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Boeing streicht 7000 Stellen

| Redakteur: Sebastian Gerstl

Dauerkrise bei Boeing: Neben dem 737-Max-Debakel, das wegen zwei weiteren Softwarefehlern noch immer andauert, veranlasst die Corona-Pandemie den US-Konzern nun zu drastischen Maßnahmen: An den zentralen Fertigungsstätten soll jeder zehnte Mitarbeiter entlassen werden.

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Der Flugzeugbauer Boeing will in den USA angesichts der Coronavirus-Pandemie 10% seiner Stellen in der Passagierflugzeugsparte streichen. 7000 Mitarbeitern droht dadurch die Entlassung.
Der Flugzeugbauer Boeing will in den USA angesichts der Coronavirus-Pandemie 10% seiner Stellen in der Passagierflugzeugsparte streichen. 7000 Mitarbeitern droht dadurch die Entlassung.
(Bild: Boeing)

Boeing will angesichts der aktuellen Coronakrise in der Passagierflugzeugsparte 10% seiner Belegschaft abbauen. Insbesondere bei der Produktion des 787 Dreamliners sowie der Modelle 777 und 737 Max soll es zu Entlassungen im größeren Maß kommen. Insgesamt wären dadurch 7000 Stellen betroffen. Man müsse sich einer „neuen Realität“ anpassen und entsprechende Maßnahmen ergreifen, heißt es aus Unternehmenskreisen.

Der Absturz zweier 737-Max-Maschinen hatte den US-Flugzeugbauer Boeing im vergangenen Jahr in eine Krise gestürzt. Während die Bemühungen, die Fliegerreihe wieder für den Markt zuzulassen, durch immer wieder neue Softwarepannen ein ums andere Mal zurückgeworfen werden, versetzt die aktuelle Coronakrise dem Flugzeugbauer einen weiteren Schlag. Weltweit ist der Flugzeugverkehr zum Erliegen gekommen, zahlreiche langjährige Partner des Unternehmens – darunter auch die deutsche Lufthansa – sind derzeit auf Staatshilfen angewiesen.

Anpassung an eine „neue Realität“

Dies schlägt sich auch auf Boeing durch: Neue Flugzeuge lassen sich nicht verkaufen. Eine weitere Produktion kann nicht erfolgen, da es an Stauraum für die fertiggestellten Maschinen mangelt. Noch vor der Corona-Pandemie, im Dezember 2019, wurde die Produktion von 737-Max-Fliegern vorerst gestoppt. Wann eine Wiederaufnahme der Fertigung erfolgen soll ist ungewiss. Wie das Unternehmen in seinem jüngsten Geschäftsbericht nun ankündigte, soll auch der Bau von 787-Dreamlinern um rund die Hälfte reduziert werden. Ebenso werde bei der 777-Reihe der Rotstift angesetzt. Die Stellenstreichungen betreffen in erster Linie die Fertigungsstätten im US-Bundesstaat Washington, wo Boeing insgesamt 70.000 Mitarbeiter beschäftigt.

Wie Bloomberg berichtet hatte Boeing-Chef David Calhoun vor knapp drei Wochen die Belegschaft informiert, dass man mit dem Programm die „Notwendigkeit“ anderer Maßnahmen zur Reduzierung der Beschäftigtenzahl vermeiden wolle. „Es ist wichtig, dass wir jetzt damit beginnen, uns an die neue Realität anzupassen,“ zitiert die Nachrichtenagentur aus der Mitteilung. Die von der Coronavirus-Pandemie hart getroffene Luftfahrtbranche werde „Zeit benötigen, um sich von der Krise zu erholen“, erklärte der Boeing-Chef.

Das schlimmste Geschäftsjahr seit Jahrzehnten

Boeing war nach den Abstürzen zweier 737-Max-Maschinen im Oktober 2018 und März 2019, bei denen über 340 Menschen ums Leben kamen, in die größte Unternehmenskrise seit Jahrzehnten geschlittert. So hat Boeing in der Corona-Krise immer mehr 737-Max-Bestellungen verloren. Im ersten Quartal wurden unterm Strich 314 Aufträge den Problemflieger storniert, hieß es Mitte April. Insgesamt büßte Boeing bis Ende März 307 Flugzeugbestellungen ein, da immerhin einige neue Aufträge für andere Modelle reinkamen.

Doch freute sich Boeing für das Geschäftsjahr 2018 noch über einen Gewinn von über 10 Milliarden US-$, sorgte das 737-Max-Debakel dafür, dass das Unternehmen 2019 zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder Verluste melden musste. Diesen Schaden erlitt das Unternehmen lange bevor die globale Corona-Pandemie den weltweiten Flugverkehr in Turbulenzen brachte.

Schuld für die Abstürze der 737-Max-Maschinen war das Flugaugmentationssystem MCAS. Im weiteren Verlauf der Untersuchungen zu den Abstürzen kam ans Licht, dass in dem Bestreben, die Maschine möglichst schnell in den Markt zu bringen, bei der Software-Entwicklung geschlampt worden war. Auch wurden Vorwürfe laut, dass es bei der ursprünglichen Zulassung der Maschinen seitens der amerikanischen Flugaufsichtsbehörde FAA nicht mit rechten Dingen zugegangen sein soll. Die 737-Max-Reihe war im Mai 2017 auf dem Weltmarkt eingeführt worden.

Erst im April neue Softwarepannen aufgetaucht

Absturz: Verzeichnete man bei Boeing 2018 noch Höhenflüge und Rekordgewinne, musste das US-amerikanische Unternehmen im Geschäftsjahr 2019 einen Verlust von rund 636 Millionen US-$ verbuchen.
Absturz: Verzeichnete man bei Boeing 2018 noch Höhenflüge und Rekordgewinne, musste das US-amerikanische Unternehmen im Geschäftsjahr 2019 einen Verlust von rund 636 Millionen US-$ verbuchen.
(Bild: Boeing / Statista)

Boeing hatte kurz nach dem weltweiten Flugverbot der 737-Max-Linie bereits im April 2019 versprochen, per Software-Update das Problem „schnellstmöglich“ zu beheben und die Maschinen noch vor Sommer 2019 wieder zur Neuzulassung zu bringen. Dieser Fix lässt weiterhin auf sich warten, immer neue Probleme werfen die Pläne ein ums andere Mal zurück.

Erst im April diesen Jahres waren wieder einmal zwei neue Softwarefehler im 737-Max-System entdeckt worden. Diese betreffen zwar nicht das MCAS, dafür aber andere kritische Systeme. Ein Fehler kann zum Ausfall des Autopiloten im Endanflug führen. Der zweite betrifft den sogenannten Runway-Stabilisator: Ein Fehler in der Programmierung des Mikroprozessors im Flugsteuerungscomputer könnte hier „hypothetisch“ zu einem Kontrollverlust mit anschließendem Sturzflug führen. Da immer neue Fehler auftreten, die in das eigentlich schon mehrere Jahre alte System wieder neu eingepflegt werden müssen, ist nicht absehbar, wie weit diese neuen Probleme die Fertigstellung erneut zurückwerfen werden. Teile der Flugsteuersoftware stammten einem Bericht des Verge-Magazins zufolge noch aus den 90er Jahren.

Nun ist unklar, zu welchem Zeitpunkt überhaupt wieder neue Boeing-Maschinen in die Luft steigen werden. Den radikalen Stellenabbau möchte der Flugzeughersteller jedenfalls schnellstmöglich durchziehen: In den kommenden Tagen habe man vor, Verhandlungen mit dem US-Finanzministerium über Staatshilfen für von der Coronakrise betroffene Unternehmen aufzunehmen. Die US-Regierung stellt derzeit zu diesem Zweck Milliardenhilfen für betroffene Konzerne bereit. Voraussetzung ist allerdings, dass die betreffenden Unternehmen nach einem Erhalt von Geldern keine Mitarbeiter entlassen.

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