Berufsfeld Medizintechnik: Für das Leben gern entwickeln

| Autor / Redakteur: Angelika Bieler / David Franz

Oft entscheiden wenige Minuten über Leben und Tod: Die zunehmende Digitalisierung der Gesundheitsbranche und die Weiterentwicklung medizinischer Technik, ermöglicht es Einsatzleitern und Notärzten wertvolle Zeit zu sparen.
Oft entscheiden wenige Minuten über Leben und Tod: Die zunehmende Digitalisierung der Gesundheitsbranche und die Weiterentwicklung medizinischer Technik, ermöglicht es Einsatzleitern und Notärzten wertvolle Zeit zu sparen. (Bild: ©Benjamin Nolte - stock.adobe.com)

Als Ingenieur hautnah die Weiterentwicklung der Medizintechnik-Branche mitgestalten: Dorjan Sulaj bringt aktuell sein Know-how in der gesamten Bandbreite der Systementwicklung ein – um am Ende ein Produkt in den Händen zu halten, das Leben retten kann.

Die Situation ist angespannt, die Lage unübersichtlich. 7 Fahrzeuge, 14 Verletzte, 40 Einsatzkräfte. Die Szenerie hat etwas von einem Hurrikan, in dessen Auge sich Dorjan Sulaj befindet: Stille, bevor das Chaos ausbricht. Obwohl er weiß, dass es sich nur um eine Übung handelt, dass die Fahrzeuge im Vorfeld der Übung mit einem Bagger aufgerichtet wurden, die Massenkarambolage nur simuliert ist, bekommt der 29-jährige Ingenieur Gänsehaut. Zum ersten Mal ist er Teil einer Katastrophenschutzübung, bei der eine Unfallsituation mit mehreren Verletzten mit allen beteiligten Organisationen wie Feuerwehr und Rettung durchgespielt wird. Seine Rolle dabei: Beobachten.

„Das Ziel meiner Teilnahme an der Ernstfall-Übung ist es, zu erfassen, wie die Versorgung der Verletzten im Katastrophenfall noch schneller erfolgen kann.“ Im Rahmen einer Entwicklungspartnerschaft ist Sulajs Arbeitgeber ITK Engineering GmbH gemeinsam mit zwei weiteren Unternehmen beauftragt, das elektronische System RescueWave für die gezielte Unterstützung bei der effizienten Einsatzführung in MANV-Lagen – bei einem Massenanfall von Verletzten – zu entwickeln.

Systementwicklung vom Design bis zur Fertigung

In Hochphasen haben an dem robusten System, das im Katastrophenfall die Transportorganisation für Patienten deutlich verbessert, zuverlässige Einsatzdaten liefert und so dabei hilft, Entscheidungen zu beschleunigen, etwa 12 Personen inklusive Sulaj gleichzeitig gearbeitet. Das Kernteam von vier Ingenieuren wurde, so Sulaj, je nach Bedarf durch Experten in allen Domänen der Produktentwicklung – wie Mechanik, Hardware- und Softwareentwicklung – innerhalb des Unternehmens erweitert.

„Das reizvollste an diesem Projekt war für mich, dass ich stets einen gesamtheitlichen Blick auf das Produkt haben musste. So ging es darum die Leiterkarte ideal auszulegen, ohne das Produktdesign zu beeinträchtigen. Gleichzeitig bildet natürlich die Hardware auch Grundsteine für eine intelligente Softwarearchitektur. Auch die Ausgestaltung des Designs im Hinblick auf Usability spielte eine wichtige Rolle. Mein Aufgabenbereich war dadurch enorm vielfältig. Ich habe auf technischer Seite in der Hardwareentwicklung und der Gesamtsystemarchitektur mitgewirkt. Andererseits war ich in engem Kontakt mit Einsatzleitern und Notärzten und konnte unmittelbar die Wirksamkeit unseres Produktes testen. Im Team haben wir im weiteren Schritt die Überführung des Produktes in die Kleinserie betreut. Hier ging es vorwiegend um die Steuerung externer Lieferanten.“

Vor allem die Arbeit im Team, der enge Austausch mit dem Kunden, aber auch mit Ärzten bereicherte Sulajs Arbeit maßgeblich. „Eine hektische Situation mit allen Parametern, wie Anzahl und Entfernung der Verletzten oder ähnliches, realistisch abzubilden, war eine große Herausforderung. Insbesondere in unübersichtlichen Lagen mit vielen Verletzten sind oft Minuten entscheidend. Die Sichtung der Patienten nach einem Unfall erfolgt bisher mit Verletztenanhängekarten in Papierform, auf denen Kategorien wie z.B. vitale Bedrohung, schwer verletzt, leicht verletzt, ohne Überlebenschance, Uhrzeit, Name des untersuchenden Arztes und eine Kurz-Diagnose vermerkt werden. Da die Karten aus Papier bestehen, steht die Einsatzleitung vor der Herausforderung einen strukturierten Einsatzplan für die Rettungskräfte zu erstellen. Diese Übersicht kostet Zeit.“

Für die Gerätentwicklung floss Know-how aus der gesamten Bandbreite der Systementwicklung ein – vom Industriedesign bis zur Fertigung, inklusive Soft- und Hardwareentwicklung, IoT-Netzwerk und Kommunikationsschnittstellen, sowie Absicherung und Überführung in die Serienproduktion als OEM-Produkt. Das System RescueWave übermittelt mittels des elektronischen Sichtungsgerätes Rescue.Node den Patientenstatus direkt an die Einsatzleitung und wird quasi direkt am Patienten angebracht. Auf Basis der Echtzeitdaten erstellt die Einsatzführungs-Software Rescue.Board klar aufbereitete Statistiken, mit denen Entscheidungen getroffen werden können. Missverständnisse werden vermieden und der Abstimmungsbedarf über Funk erheblich reduziert.

Branchenvielfalt beim Entwicklungsdienstleister

Bereits während seines Studiums am KIT hat der aus Albanien stammende Jungingenieur als Werkstudent bei ITK gearbeitet. „Ich hatte unter anderem die Möglichkeit, in einem internen Automotive-Innovationsprojekt mitzuwirken – zunächst konnte ich mich in modelprädiktive Algorithmen einarbeiten und diese in RT-Linux implementieren. Im nächsten Schritt entwickelte ich für die Triangulation zur Innerraum-Ortung die verteilten, eingebetteten Systeme auf einer ARM Cortex-M Architektur. Dieses thematische Umfeld war für mich ideal – ich fand es super, mich parallel zum Studium in für mich relativ neuen Themen austoben zu können, aber auch mit gängigen Entwicklungswerkzeugen zu arbeiten, wie z.B. Matlab/Simulink, C und Linux.“

Mit seiner Festanstellung bei ITK entschied sich Sulaj 2016 für den Geschäftsbereich Medizintechnik. „Das Potential der Medizintechnik-Branche ist noch nicht ausgeschöpft. Als Ingenieur will ich dabei sein, wenn neue Technologien entstehen – und ich möchte diese selbst aktiv mitgestalten. Der besondere Reiz für mich daran: vermeintlich kleine Durchbrüche, sprich Probleme, die vielleicht lange niemandem offensichtlich waren, im Alltag aber einen extrem hohen Einfluss haben. Ein Beispiel ist die bisherige State of the Art Nutzung von Papieranhängern bei einem Massenanfall von Verletzten. Ich finde es beeindruckend, dass ich als Ingenieur einen direkten Impact auf das Wohlergehen der Menschen haben kann – durch ein System für effiziente Einsatzführung.“

RescueWave – VOMATEC Innovations in Zusammenarbeit mit ITK Engineering und antwortING: Sichtung, Lageüberblick, Transportorganisation. Mit nur einer Handbewegung wird das Sichtungsergebnis direkt am Patienten eingegeben. Durch die vollautomatische Übertragung der Ergebnisse, stehen die Daten überall dort zur Verfügung, wo sie benötigt werden.
RescueWave – VOMATEC Innovations in Zusammenarbeit mit ITK Engineering und antwortING: Sichtung, Lageüberblick, Transportorganisation. Mit nur einer Handbewegung wird das Sichtungsergebnis direkt am Patienten eingegeben. Durch die vollautomatische Übertragung der Ergebnisse, stehen die Daten überall dort zur Verfügung, wo sie benötigt werden. (Bild: VOMATEC Innovations)

Aus der Automobilbranche in die Medizintechnik

Das Ziel des Geschäftsbereichs ist es, ganzheitliches Engineering für patientenorientierte und personalisierte Medizin in den Bereichen Prävention, Diagnose, Intervention, Therapie, Reha, Pflege und Fitness anzubieten. Die Kunden stammen hauptsächlich aus der Gerätemedizin und Medizinrobotik. Auf die Frage, was der ausschlaggebende Grund war, sich für den Geschäftsbereich Medizintechnik zu entscheiden, antwortet Sulaj: „Ich fand das Miteinander, die Kultur bei ITK super, wollte aber nach zwei Jahren als Werkstudent die angeeigneten Methodiken in einem neuen Umfeld einsetzen. Genau diese Möglichkeit hat man bei einem Unternehmen wie ITK. Bei uns ist es Gang und Gäbe, dass man sich mit Kollegen aus unterschiedlichen Geschäftsfeldern und -bereichen austauscht – sei es bei den regelmäßigen internen Tec-Meetings oder beim Sport nach der Arbeit. Die Projekte der Medizintechnik-Kollegen haben mich emotional wahnsinnig angesprochen. Vor allem RescueWave verbindet die offensichtliche Problemlösung mit einer großen Bandbreite an gefragten Methoden und Kompetenzen.“

Die Digitale Gesundheitsversorgung von morgen mitgestalten: Dorjan Sulaj ist Mitarbeiter bei der ITK Engineering GmbH – sein Herzblut steckt seit seinem Einstieg in der Medizintechnik.
Die Digitale Gesundheitsversorgung von morgen mitgestalten: Dorjan Sulaj ist Mitarbeiter bei der ITK Engineering GmbH – sein Herzblut steckt seit seinem Einstieg in der Medizintechnik. (Bild: ITK Engineering)

Ohne Medizintechnikstudium für das Leben entwickeln

Mit der digitalen Transformation des Gesundheitsmarktes ergeben sich für Sulaj auch in Zukunft Chancen, tiefer in das Zukunftsthema digitaler Gesundheitslösungen einzutauchen. „Im vergangenen Projekt konnte ich mich im Bereich Projektmanagement, Konzepterstellung, Produkt- und Hardwareentwicklung austoben. Aktuell bin ich verstärkt in der Softwareentwicklung für Geräte im Operationssaal tätig.“ Auf die Frage, welche Kompetenzen denn bei ITK in diesem Bereich nötig sind, antwortet er: „Um digitale, vernetzte, sichere und patientenorientierte Lösungen zu entwickeln, ist im Medizintechnik-Bereich verstärkt Fachwissen in Cyber Security und Health Data Analytics gefragt. Für die Vernetzung der Geräte und digitalen Gesundheitslösungen sind dazu sowohl UX, als auch Front-End und Back-End Kompetenzen notwendig. Spezifisches Wissen über die Pharmaindustrie und Pflege ist darüber hinaus für unser Tun essenziell, um den Anforderungen unserer Kunden gerecht zu werden.“ Aber auch weiterhin setzt das Unternehmen als Systementwicklungspartner vermehrt auf Hardware-Entwicklungskompetenzen sowie Fertigungspartnerschaften.

„Natürlich ist ein Medizintechnik-Studium von Vorteil, um sowohl die Branche zu verstehen als auch auf ein Grundgerüst des fachlichen Know-hows aufbauen zu können. Zwingend notwendig ist dieses allerdings nicht – vielmehr braucht man Begeisterung für Technologie und die Motivation Neues zu lernen. Ich habe beispielsweise Elektrotechnik studiert und gehe nun nach einer gewissen Einarbeitungszeit voll in dem Themenbereich auf – mit allen Eigenheiten der Branche.“ Was hingegen für einen Einstieg bei ITK nicht fehlen darf, ist die Bereitschaft Wissen zu teilen und über sich hinaus zu wachsen. Nicht umsonst sucht das Unternehmen Persönlichkeiten, die vorausdenken.

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