Suchen

Siemens Jahreshauptversammlung Belegschaftsaktionäre attackieren Vorstand und Aufsichtsrat scharf

| Redakteur: Martina Hafner

Der Verein von Belegschaftsaktionären in der Siemens AG will heute eine Einzelabstimmung bei der Entlastung des Vorstands und der Aufsichtsratsmitglieder der Siemens AG fordern. Außerdem mache man sich Sorgen über die innere Verfassung des Unternehmens.

Die Führungsspitze von Siemens muss sich auf der heutigen Hautpversammlung auf scharfen Gegenwind durch den Verein von Belegschaftsaktionären einstellen. Unter anderem, dass Aufsichtsratschef Cromme weitermachen will, provoziert Widerspruch.
Die Führungsspitze von Siemens muss sich auf der heutigen Hautpversammlung auf scharfen Gegenwind durch den Verein von Belegschaftsaktionären einstellen. Unter anderem, dass Aufsichtsratschef Cromme weitermachen will, provoziert Widerspruch.
(Pressefoto: Siemens )

Laut einer vorab veröffentlichten Pressemitteilung will der Verein von Belegschaftsaktionären in der Siemens AG, e.V., heute eine Einzelabstimmung für die Entlastung der Vorstandsmitglieder und des Aufsichtsrats der Siemens AG fordern. Der Verein, der laut eigenen Angaben mehrere Tausend Aktionäre und gut eine Million Aktien vertritt, stellt sich zum einen gegen die Aufweichung der bisherigen Altersgrenze für Aufsichtsratschef Gerhard Cromme. Mit 70 Jahren mussten die Aufsichtsräte bei Siemens bisher gehen - Cromme wird im Februar 70. Aber für den einstigen Vorsitzenden der Corporate-Governance-Kommission wurde die Satzung geändert.

Neben der Altersgrenze gebe es auch genügend inhaltliche Gründe dafür, dass eine Wiederwahl keine Perspektive sei. Man brauche gar nicht auf Thyssen-Krupp zu zeigen, um festzustellen, dass hier "Netzwerker" sich gegenseitig stützten, aber unfähig seien, Schaden von Unternehmen abzuwenden, heißt es weiter im Text. Auch bei Siemens habe man von dem Aufsichtsratsvorsitzenden keinerlei Kritik zu Entscheidungen des Vorstandsvorsitzenden gehört, die sich bald als Fehlentscheidungen oder Fehlinvestitionen herausgestellt hätten.

Vorgaben orientierten sich ausschließlich an den Erwartungen der Finanzmärkte, so ein weiterer Vorwurf. Der Verein unterstützt laut seiner Vereinssatzung eine Unternehmenspolitik, die Belegschafts- und Kapitalinteressen gleichgewichtig berücksichtigt und eine ausschließlich auf die kurzfristigen Interessen von Spekulanten ausgerichtete Politik ablehnt. Neben einer angemessenen Gewinnbeteiligung liege sein Zweck auch in der Wahrung anderer für die Belegschaft wichtiger Ziele, wie Sicherung eines hohen Beschäftigungsstandes, soziale Absicherung oder eine umweltorientierte Unternehmenspolitik.

Als negatives Signal sieht der Verein von Belegschaftsaktionären, dass Aufsichtsratvorsitzender Cromme sowie die Aufsichtsradsmitglieder Hans Michael Gaul und Josef Ackermann als Mitglieder des Nominierungsausschusses über Vorschläge für die künftige Besetzung im Aufsichtsrat entschieden hätten. Eine dringend notwendige Kritik an der inzwischen perspektivlosen Politik von Herrn Löscher, die keine Aufbruchsstimmung sondern neue Sparprogramme beinhalte, sei von diesen nicht zu erwarten. Der Verein von Belegschaftsaktionären werde daher weder einer Entlastung noch einer Neuwahl zustimmen.

"Die innere Verfassung von Siemens gibt uns Anlass zur Sorge"

In einem Redemanuskript des Vereinsvorsitzenden Ernst Koether, dessen Auftritt für den Nachmittag erwartet wird, schreibt Koether: "Wenn wir die aktuell gute Ertragslage einmal ausblenden, gibt uns die innere Verfassung von Siemens Anlass zur Sorge." Führungskräfte übernähmen im Dreijahrestakt neue Aufgaben, und der administrative Aufwand habe sich in manchen Bereichen verdoppelt, insbesondere als Folge der Korruptionsaffäre. Der Aufwand für die Überwachung des Tagesgeschäftes könne aber inzwischen um die Hälfte reduziert werden.

Insbesondere kritisiert der Verein eine Unternehmenskultur, in der qualifizierte Fachleute zu Ausführungsorganen degradiert sowie Entscheidungen häufig nur noch von oben nach unten durchgereicht würden. Der Verein bezieht sich dabei u.a. auf eine Mitarbeiterbefragung aus 2012, in der sich angeblich ein Viertel der Siemens-Mitarbeiter über fehlende Anerkennung beschwert hätten.

Erneut kritisiert Koether die Höhe der Aufsichsrats- und Vorstandsvergütungen. Der Verein hält diese für unverhältnismäßig im Vergleich zu fast allen anderen wirtschaftlichen Entwicklungen. Diese seien infolge von Quereinstiegen in den Vorstand sprunghaft angestiegen und bedürften einer deutlichen Korrektur. Wenn eingespart werden solle, habe es oben anzufangen. Dass sei ein unumstößliches Gebot der Glauwürdigkeit. Siemens will bis 2014 sechs Milliarden Euro einsparen und wird auch tausende Stellen streichen.

Seit 1994 vertritt der Verein von Belegschaftsaktionären in der Siemens AG, e.V. auf den Siemens Hauptversammlungen die Interessen von Belegschaftsaktionären, die ihre Stimmrechte übertragen haben. Mit der Vertretung von geschätzten viertausend Aktionären ist der Einfluss des Vereins dort allerdings zumindest unmittelbar begrenzt. Mit rund 740.000 Aktionären gehört die Siemens AG weltweit zu den größten Publikumsgesellschaften. Derzeit werden rund 59 % der ausstehenden Siemens-Aktien von institutionellen Investoren, rund 20 % von privaten Anlegern und rund 6 % von Mitgliedern der Siemens-Familie gehalten.

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 37686230)