Bauteilebeschaffung: Innovation oder Versorgungssicherheit?

Autor / Redakteur: Ralf Welter / Dipl.-Ing. (FH) Thomas Kuther

Der Einsatz neuer Technologien bestimmt unsere Zukunft – wird das daraus resultierende Risiko für Hersteller entsprechend berücksichtigt? Second Source sollte bereits bei der Produktentwicklung in den Fokus rücken.

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Ralf Welter: Der Autor ist Geschäftsführer der Taiwan Semiconductor Europe GmbH und beschäftigt sich sowohl intern als auch extern mit dem Thema Risikomanagement.
Ralf Welter: Der Autor ist Geschäftsführer der Taiwan Semiconductor Europe GmbH und beschäftigt sich sowohl intern als auch extern mit dem Thema Risikomanagement.
(Bild: Taiwan Semiconductor)

Wer von uns möchte nicht „die Lösung“ für ein lang bekanntes und bisher ungelöstes Problem haben? „Zukunft wird aus Ideen gemacht“, lautete ein von T-Mobile vor langer Zeit ins Leben gerufener Slogan. Dieser ist allerdings so aktuell wie nie zuvor. Elektromobilität, IOT, etc. – all diese Punkte treiben die Innovationskraft bedeutend voran. Jedes Unternehmen hat das Bestreben, möglichst zukunftsorientiert, schnell und – dabei allem voran – profitabel zu agieren. Die Zusammenschlüsse und Übernahmen der näheren Vergangenheit haben allerdings immer wieder gezeigt, dass Größe allein kein Erfolgsrezept mehr ist. „Nicht die Großen fressen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen.“ Dieser Spruch begleitet mich seit 15 Jahren und er hat sich schon sehr oft bewahrheitet.

Jedoch rückt dabei ein sehr wichtiger Aspekt immer häufiger in den Hintergrund: Das Risikomanagement.

Am letzten Tag der electronica 2016 bekamen wir Besuch eines auf technische Entwicklungen ausgerichteten Managers von einem namhaften deutschen Automobilhersteller. Beeindruckt von Innovationen wie SiC und GaN, die er in den dreieinhalb Tagen zuvor an anderen Ständen sehen konnte, erwartete er auch von unserem Unternehmen entsprechende Neuerungen. Leider konnten wir diese Erwartung nicht erfüllen. Zwar waren wir in der Lage, ihm einige neue Produkte zu zeigen, allerdings nicht in dem Umfang, den er erwartet hätte. Ohne Umschweife stellte er die Frage, warum er Produkte eines Unternehmens einsetzen sollte, welches sich nicht so innovativ darstellt wie andere Marktbegleiter. Die Antwort war für ihn verblüffend und erst einmal irritierend: Das Risikomanagement!

Viele große Hersteller bieten neue Produkte mit Technologien an und lassen sich diese – mit gutem Recht – patentrechtlich schützen. Dies schafft zum einen Markteintrittsbarrieren für Wettbewerber und zum anderen dem Innovator einen erheblichen Vorsprung sowie die erhofften Gewinne.

Durch die hieraus entstehende Single-Source-Situation besteht jedoch für den Kunden, aber auch für Hersteller, ein latentes Risiko. Solange der Markt wie gewohnt funktioniert und die gewünschte Anzahl der benötigten Produkte uneingeschränkt und zu jeder Zeit verfügbar sind, gibt es aus Sicht vieler Kunden keinen Handlungsbedarf. Vielleicht können sie sich, trotz Single Source Position des Lieferanten, einen bedeutenden Vorteil vor dem Wettbewerb verschaffen.

Spätestens jedoch seit dem erheblichen Anstieg der Lieferzeiten sowie der Implementierung IATF16949 mit dem besonderen Fokus auf die Risikobetrachtung, dürfte sich dieses Bewusstsein verändert haben. Hinzu kommen noch mögliche politische und geographische Einflussfaktoren wie Strafzölle oder Naturkatastrophen, die in der Gesamtbetrachtung auch nicht ignoriert werden können.

Jedem Beteiligten in der Lieferkette wird mittlerweile täglich vor Augen geführt, welchen (Kosten-)Aufwand und welches Risiko die Auswahl eines Single-Source-Produkts mit sich bringt. Innovative Produkte können nur erfolgreich verkauft werden, wenn diese auch zum gewünschten Zeitpunkt in der erforderlichen Menge und der benötigten Qualität verfügbar sind. Steht auch nur einer dieser Faktoren in Frage, so ist der schöne Wettbewerbsvorteil schnell dahin.

Daher sollte, bei aller Begeisterung für neue Ideen, auch das Thema Second Source und somit Risikoabsicherung bereits zum Zeitpunkt der Produktentwicklung in den Fokus rücken. Denn wenn die Anwendung sich bereits in der Massenfertigung befindet und Probleme bei der Beschaffung, Qualität, usw. auftreten, sinkt sehr schnell auch die Profitabilität und – im schlimmsten Fall – auch die Reputation des Unternehmens.

Damit wäre der schöne Vorteil durch „die Lösung“ erst einmal dahin.

* Ralf Welter ist Geschäftsführer der Taiwan Semiconductor Europe GmbH.

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