Autonomous Driving Index: Deutschland abgeschlagen auf dem letzten Platz!

Redakteur: Benjamin Kirchbeck

Wann gelingt der Durchbruch beim autonomen Fahren und in welchem Land fährt man als Erstes autonom? Die Unternehmensberatung PROGENIUM hat nun den Autonomous Driving Index entwickelt, um Beschleunigungsfaktoren und Hindernisse autonomer Adaption in verschiedenen Märkten zu bewerten.

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Experten sind sich einig, dass autonomes Fahren die disruptive Innovation in der Mobilitätsrevolution ist.
Experten sind sich einig, dass autonomes Fahren die disruptive Innovation in der Mobilitätsrevolution ist.
(Bild: Daimler)

Automobilunternehmen, Technologiekonzerne und neue Marktteilnehmer arbeiten weltweit an autonomen Konzepten und Pilotfahrzeugen, um die Zukunft der Mobilität möglichst bald massentauglich auf den Markt zu bringen. Selbstfahrenden Autos wird eine große Bedeutung innerhalb der Mobilitätskonzepte von morgen zugeschrieben. Experten sind sich einig, dass autonomes Fahren die disruptive Innovation in der Mobilitätsrevolution ist.

In welchem Land und in welchem Bereich wird sich autonomes Fahren als Erstes durchsetzen? Um diese Fragen zu beantworten, hat die Unternehmensberatung PROGENIUM Experten und Meinungsbildner unterschiedlicher Länder befragt und daraus resultierend den Autonomous Driving Index entwickelt, welcher den Erfüllungsgrad der Rahmenbedingungen autonomen Fahrens bewertet.

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Großbritannien führt in diesem Vergleich von vier Märkten das Rennen um autonomes Fahren an, USA und China teilen sich Platz 2, Deutschland liegt abgeschlagen auf dem letzten Platz: Großbritannien liegt mit knapp 58% auf dem ersten Platz, noch vor den größten Automobilmärkten der Welt – USA und China.

Infrastruktur: Deutschland kassiert China

Ein wesentlicher Grund hierfür ist die Erfüllung vieler erfolgskritischer Faktoren. Die Gesetzgebung ermöglicht beispielsweise Tests selbstfahrender Fahrzeuge in innerstädtischen Bereichen. Außerdem fördert die Regierung den Ausbau der notwendigen technologischen Infrastruktur. Die befragten Experten schätzen diese, gemeinsam mit der Straßeninfrastruktur, als die relevantesten Faktoren für die erfolgreiche Durchsetzung autonomen Fahrens ein.

Ein relevanter Hebel für den hohen Erfüllungsgrad der Rahmenbedingungen in Großbritannien ist der starke Fokus dieser Initiativen auf die britische Hauptstadt. Denn insbesondere in innerstädtischen Bereichen gilt die Umsetzung autonomen Fahrens als besonders komplex und schwierig. Neben großen Automobilherstellern wie z.B. Volvo, testen auch bereits eine Vielzahl an Startups autonome Fahrzeuge in London.

Betrachtet man den Erfüllungsgrad auf landesebene differenzierter, zeigt sich ein anderes Bild. Hier ist Deutschland aufgrund seiner flächendeckend guten Infrastruktur vorne und überholt aufgrund der exellenten Infrastruktur auch China und die USA. China und die USA liegen in der Gesamtbetrachtung gleichauf und erfüllen mit 51% aktuell mehr als die Hälfte der Rahmenbedingungen.

Merlin Stevenson, Managing Director von PROGENIUM und Experte für den chinesischen Markt, schätzt insbesondere die hohe soziale Akzeptanz der Chinesen für neue Technologien als potentiellen Katalysator für den Durchbruch autonomen Fahrens ein. Das zeigte sich bereits in der Vergangenheit mit dem überspringen ganzer technologischer Phasen wie beispielseise dem Festnetztelefon oder Desktop-PCs. „Kaum eine andere Kultur hat bisher neue Technologien schneller adaptiert oder sogar übersprungen, als die Chinesen das getan haben.“ resümiert Stevenson.

Rechtliche Rahmenbedingungen: Deutschland mit der roten Laterne

Autonome Technik wird ebenfalls in hohem Maße gefördert, denn die Gesetzgeber arbeiten mit Hochdruck an einem flächendeckenden rechtlichen Rahmen, um das Testen autonomer Fahrzeuge zu ermöglichen. Chinesische Unternehmen unterstützen die Entwicklung durch Investitionen ebenfalls.

Beispielsweise hat das Google-Pendant Baidu im September einen milliardenschweren Investmentfond ins Leben gerufen. Umgerechnet rund 1,5 Milliarden US-Dollar werden in den nächsten drei Jahre in verschiedene Projekte aus dem Bereich autonomes Fahren investiert, um die Forschung und Entwicklung voranzutreiben.

In den USA ist die Gesetzgebung – zumindest teilweise – schon weiter als in China. Einige Bundesstaaten, wie beispielsweise Kalifornien, Florida und Michigan haben Gesetze erlassen, die das Testen autonomer Fahrzeuge auf öffentlichen Straßen erlauben. Insbesondere die Highways mancher Bundesstaaten werden als Teststrecken für Platooning – also vernetzte LKW Konvois – in hohem Maße durch den Staat gefördert.

Zudem gab der US-Senat erst Anfang Oktober grünes Licht für eine Gesetzesvorlage, die autonome Fahrzeuge landesweit von staatlichen Sicherheitsvorschriften befreit. Wobei es für das Inkrafttreten des Gesetzes noch eine letzte Senatsabstimmung bedarf. Des Weiteren investiert die USA Milliarden in die Forschung und Entwicklung selbstfahrender Fahrzeuge und finanziert den Ausbau technologischer Infrastruktur.

Deutschland schafft es in unserem Ranking nur auf den letzten Platz und kann mit 46% nicht einmal die Hälfte der Rahmenbedingungen erfüllen. Im Gegensatz zu den anderen Märkten kann Deutschland bisher die wichtigesten Anforderungen für die Umsetzung autnomen Fahrens nicht erfüllen. Diese acht Faktoren machen 50% der Rahmenbedingungen aus.

Dazu gehören die rechtlichen Vorschriften und Haftungsregelungen. Diese werden von der Gesetzgebung zwar diskutiert, bisher allerdings noch nicht in ausreichendem Umfang umgesetzt. Nach wie vor gilt als rechtliche Grundlage das „Wiener Übereinkommen über den Straßenverkehr“ von 1968.

Dieses schreibt auch nach einer entsprechenden Anpassung im Herbst 2014 vor, dass ein Fahrer jederzeit in der Lage sein muss die Kontrolle über das Fahrzeug zu übernehmen. Neben Deutschland haben 73 weiter Länder die Konvention unterzeichnet – ausgenommen sind sowohl die USA, als auch China. Großbritannien hat das Übereinkommen zwar unterschrieben, jedoch nicht ratifiziert.

Auch die generelle soziale Akzeptanz neuer Technologien ist hierzulande geringer als in anderen Märkten. Lediglich in zwei Aspekten kann Deutschland mithalten: Die Marktaktivitäten der Forschung in Form von Patentaktivitäten – etwa die Hälfte aller angemeldeten Patente im Bereich autonomes Fahren kommen von deutschen Unternehmen wie Bosch, Daimler und VW.

Autonomes Fahren: Am ehesten im Bereich des kommerziellen Transports

Der zweite Faktor ist die Infrastruktur der Straßen. Deutschland hat aufgrund seiner Größe und landesweiten exzellenten Infrastruktur klare Vorteile gegenübenüber den restlichen Ländern. Eine flächendeckende Einführung autonomer Fahrzeuge wäre daher– wenn man die restlichen Faktoren außen vor lässt – wesentlich leichter.

Stevenson bewertet zum Vergleich die Lage in den USA kritisch: „Die Größe des Landes in Kombination mit seiner Vielfalt, könnte eine der größten Herausforderungen für die USA werden, da es signifikante Unterschiede zwischen den Bundeststaaten und Städten gibt“.

Der Autonomous Driving Index unterscheidet daher hinsichtlich der Anwendung autonomer Fahrzeuge in städtischen und außerstädtischen Gebieten. Lukas Neckermann, Associate Manager bei PROGENIUM und Experte für autonomes Fahren, ist der Überzeugung, dass autonome Fahrzeuge in Zukunft stark in ihren Modellen, Formen und Designs variieren werden. Ein Blick auf die akutellen Studien und Konzeptfahrzeuge bestätigt diese Einschätzung.

Aus diesem Grund varriert die Umsetzbarkeit autonomen Fahrens in verschiedenen Bereichen. Dabei spielt auch der Fahrzeugtyp eine entscheidende Rolle, denn die Rahmenbedingungen unterscheiden sich zum einen zwischen privatem, öffentlichen und kommerziellen Transport und zum anderen zwischen städtischer und außerstädtischer Nutzung.

In Deutschland gehen wir davon aus - bedingt durch die herausragende Infrastruktur, sowie aufgrund staatlicher Förderung entsprechender Teststrecken und der Forschung und Entwicklung - dass autonomes Fahren sich am ehesten im Bereich des kommerziellen Transports außerhalb von Städten durchsetzen wird.

Sollte es gelingen, insbesondere die rechtlichen Vorschriften, wie beispielsweise die Haftungsregelungen anzupassen und die soziale Akzeptanz – unter anderem durch Sensibilierungskampagnen - zu erhöhen, könnte Deutschland im Rennen um autonomes Fahren auch in anderen Bereichen in rasantem Tempo aufholen. Die Unterschiede in der Größe und Infrastruktur zwischen den Ländern könnten die Game Changer im Rennen um autonomes Fahren sein und damit Deutschland an die Spitze bringen.

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