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Autoindustrie: Reißt Joe Biden das Steuer herum?

Autor / Redakteur: Dr. Engelbert Wimmer / Michael Eckstein

Heute stimmen die US-Amerikaner ab, wer ihr nächster Präsident wird. Der Wahlausgang wird weitreichende Folgen für die weltweite Wirtschaft haben. Wie würde sich ein Machtwechsel auf die weltweite Automobilindustrie auswirken?

Green-Energy-Deal: Ein Machtwechsel in den USA könnte zu einem Schub für alternative Antriebe und New-Energy-Vehicles führen.
Green-Energy-Deal: Ein Machtwechsel in den USA könnte zu einem Schub für alternative Antriebe und New-Energy-Vehicles führen.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Kurzer Rückblick, wir erinnern uns: Hilary Clinton scheiterte bei der Wahl in 2016 vor allem an der Frustration der Arbeiter in der Autoindustrie. So hatte zwar die UAW (United Auto Workers) eine Wahlempfehlung für Clinton ausgesprochen, doch mehr als ein Drittel der UAW-Mitglieder wählte am Ende Trump. Warum? Sie waren desillusioniert von den Auswirkungen der Globalisierung und vom dramatischen Bedeutungsverlust der US-Autohersteller seit der Krise in 2008. Die Folge: Selbst so ein traditionell-demokratischer Staat wie Michigan ging zur Überraschung aller an Trump.

Blick nach vorne: Welche Veränderungen würde Joe Biden als nächster US-Präsident angehen? Die aus unserer Sicht wichtigsten Themenbereiche sind:

CO2: Klare Wende

Trump hat die Pariser Klimaziele und die von Obama begonnene Reduktion des CO2-Footprints aufgekündigt. Hier wird Bidens Amerika auf dem Absatz kehrt machen und sowohl die CO2-Grenzwerte als auch das generelle Bewusstsein für die Notwendigkeit einer Energiewende priorisieren. Die Folge: Der Verbrauch von Kraftstoffen wird teurer und die Mega-SUVs werden deutlich unattraktiver. Das sind schlechte Nachrichten für GM, Ford und Chrysler - aber gute für z.B. Honda, Hyundai und Volkswagen.

Handel: Biden ist ein Multilateralist nach Obamas Schule – und kein Schulhof-Rowdy

Seine Laufbahn ist gekennzeichnet von Handelsabschlüssen statt deren Aufkündigung. Abschlusses und nicht der Abkündigung von Handelsabkommen. Zudem weiß Biden, dass höhere Zölle und Abgaben die Produktkosten und die Verschuldung für die empfindlichen Konsumenten in seinem Land weiter antreiben. Er wird sich davor hüten, hier zu überdrehen. Die EU kann sich also auf eine Stabilisierung der Handelssituation einrichten - wenn sie bereit ist, sich im Gegenzug auf politische Zugeständnisse im Umgang mit China einzulassen.

Clean-Energy-Deal

So wie Von-der-Leyen in Europa wollen auch die US-Demokraten einen deutlichen Schub in Richtung Nachhaltigkeit des Wirtschaftssystems für einen Jump-Start ihrer Wirtschaft nutzen. Die Autoindustrie ist dazu eine ideale Plattform, weswegen Biden mit einem 400 Milliarden starken "Green-Energy-Programm" glänzen will. Das Ziel: Bis 2030 sollen über 500.000 Ladesäulen existieren (heute sind es knapp unter 90.000 - und zum Vergleich: in Europa sind es ca. 190.000). Das sind gute Nachrichten für den Elektropionier Tesla - aber eben auch für z.B. Volkswagen. Das Programm soll zudem einen gigantischen Impuls in Richtung von Forschung und Entwicklung neuer Energien darstellen, mit dem die USA ihre Distanz zu China halten wollen.

Es wäre einfach davon abzuleiten, dass auch wir in Europa so vorgehen sollten - wenn wir nicht bereits ein Mehrfaches der Amerikaner für F&E ausgeben würden. Die Frage bei uns muss hingegen sein: Was können wir in Europa tun, um die Produktivität unserer F&E-Ausgaben zu steigern und unserer Forschung gezielter in die Anwendung zu bekommen?

Krisenmanagement im Corona-bedingten Wirtschaftsabsturz

Die USA stehen vor einem Corona-bedingten Wirtschaftsabsturz in ungeahntem Ausmaß. Biden weiß das. Um die davon mitbetroffene Autoindustrie zu schützen und den Green-Energy-Deal zu nutzen, ist von einem riesigen Cash-for-Clunkers-Programm die Rede. In den kommenden zehn Jahren soll die Fahrzeugflotte quasi einmal CO2-mäßig runderneuert werden. Das wäre eine Chance für 60 Millionen New-Energy-Vehicles bis 2030 und ein substanzieller Impuls zur weiteren Beschäftigungssicherung in der amerikanischen Autoindustrie. Importeure werden es allerdings schwer haben, an diese Förderungen zu gelangen.

* Dr. Engelbert Wimmer ist CEO der e&Co. AG (Entrepreneurs & Consultants)

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