Halbleiterchips „made in China“ Autarkie ist das Ziel, die Kosten sind zweitrangig

Autor / Redakteur: Henrik Bork * / Michael Eckstein

„Xin pian“, chinesisch für „Chip“, ist das neue Zauberwort unter Chinas kommunistischen Parteikadern. Auf der diesjährigen Sitzung des Nationalen Volkskongresses in Peking gab es keine zwei Silben, die öfter ausgesprochen wurden. Peking will eine eigene Halbleiterindustrie aufbauen, unabhängig von Sanktionen aus Washington. Koste es, was es wolle.

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Nicht kleckern: China strebt die weitgehende Unabhängigkeit von ausländischen Halbleiterproduzenten an. Dafür will das Land massiv in Hightech investieren.
Nicht kleckern: China strebt die weitgehende Unabhängigkeit von ausländischen Halbleiterproduzenten an. Dafür will das Land massiv in Hightech investieren.
(Bild: clipdealer)

Von Chips sprach Chinas Premier in seinem Regierungsbericht, die Chip-Herstellung steht als Priorität im neuen Fünfjahresplan, und „xin pian“ dominierten als Gesprächsthema die Debatten in den vielen Ausschüssen und auf den Gängen der Hallen des Volkes am Platz des Himmlischen Friedens.

„Chip ist zum heißen Hochfrequenz-Wort unter den Delegierten des Volkskongresses geworden”, schreibt die chinesische Wirtschaftszeitung „Shiji Jingji Baodao“. Im 14. Fünfjahresplan, gültig ab jetzt bis 2025, wird die gesamte Nation auf das Ziel eingeschworen, „sich auf Schlüsselbereiche wie High-End-Halbleiter zu konzentrieren, grundlegende Theorien und Algorithmen zu fördern, und Durchbrüche bei der Forschung & Entwicklung von Ausrüstung und iterativen Anwendungen zu erzielen“.

Staatschef Xi ruft Nation zur Aufholjagd in Punkto Hightech auf

Wenn das kommunistische Kauderwelsch des Jahres 2021 mehr nach einer Presseerklärung des amerikanischen Halbleiter-Verbandes klingt als nach einem Ausschnitt aus Maos „rotem Buch“, so hat das einen wichtigen Grund. Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping persönlich hat die Volksrepublik zur Aufholjagd auf den kapitalistischen Westen aufgerufen, was die „Selbstversorgung“ mit Halbleitern betrifft.

Und was sich da gerade im ganzen Land abspielt, ist tatsächlich eine Mobilisierung der Massen. Niemals zuvor in seiner Geschichte war China so überzeugt von der zentralen Bedeutung fortschrittlicher Technologien für seine Entwicklung – und hat so viel Geld in die Halbleiter-Industrie gepumpt wie jetzt. Die Staatsmedien schreiben schon vom „Großen Halbleiter-Sprung nach vorn“, in Anlehnung an Maos irrwitzige Kampagne im Jahr 1957, als in Hinterhöfen die Kochtöpfe eingeschmolzen wurden, um Versorgungslücken bei Eisen und Stahl zu stopfen.

1,2 Bio. Euro Investitionen in Hightech bis 2025

Heute aber ist China viel reicher, und es geht weit systematischer vor als seinerzeit der Große Vorsitzende Mao Tse-tung. Sein Nachfolger Xi Jinping hat angekündigt, bis 2025 umgerechnet 1,2 Bio. Euro in High-Tech-Industrien zu investieren – von 5G-Netzen über Anwendungen der Künstlichen Intelligenz bis hin zu Foundries für Rechen- und Speicherchips. Zu dieser Summe kommen dann noch einmal unzählige örtliche Subventionen in den Provinzen dazu.

Bei den Halbleitern startet man die große Aufholjagd von einer relativ niedrigen Basis aus. Zwar ist China inzwischen der größte Halbleitermarkt der Erde. Nirgendwo werden mehr Chips gekauft und dann in Produkten aller Art verbaut - von Laptops über Autos bis hin zu Kühlschränken - wie in China, das noch immer die „Werkbank der Welt“ ist. Doch nur ein kleiner Teil der Chip-Nachfrage kann derzeit aus heimischer Produktion bedient werden.

Bislang kommt nur ein geringer Teil der in China verbauten Chips aus heimischer Produktion

Im Jahr 2019 zum Beispiel gingen nur 17 Prozent der umgerechnet 86 Milliarden Euro für in China verkaufte Chips an lokale Foundries, hat Morgan Stanley errechnet. Und in dieser Zahl sind sogar noch die Fabriken ausländischer Chip-Fabrikanten in China mitgezählt. Sie ist also noch kleiner, wenn nur die Produktion rein chinesischer Unternehmen betrachtet wird. Bis zum Jahr 2025 sieht die Investmentbank diesen chinesischen „Autarkie-Anteil“ auf 40 Prozent wachsen, was viel weniger wäre als das von Peking annoncierte Ziel von 70 Prozent, aber immerhin ein gewaltiger Zuwachs.

Auch der technologische Rückstand Chinas gegenüber dem Ausland ist bei Halbleitern immer noch groß. Mindestens vier Jahre hinkt die Fähigkeit chinesischer Unternehmen bei der Produktion der technisch modernsten Halbleiter hinter jener der taiwanesischen Firma TSMC oder des südkoreanischen Chip-Herstellers Samsung hinterher, ist die Konsens von Marktbeobachtern in Peking und Shanghai.

Modernste Fab in China liefert immerhin bereits 14-Nanometer-Chips

14-Nanometer-Chips sind momentan das technologisch hochwertigste Produkt des größten chinesischen Chipherstellers, der „Semiconductor Manufacturing International Corp.“ (SMIC) in Shanghai. Die fortschrittlichsten Halbleiter unserer Zeit, 5 Nanometer und kleiner, muss China komplett aus dem Ausland importieren. Auch insgesamt gesehen ist China ein Netto-Importeur von Chips. Halbleiter im Wert von umgerechnet 293 Milliarden Euro hat die Volksrepublik 2020 eingeführt, 14,6 Prozent mehr als im Vorjahr.

Marktforscher kommen regelmäßig zu dem Ergebnis, dass es sehr schwer für die politische Führung in Peking werden dürfte, in absehbarer Zukunft auch nur in die Nähe von Selbstversorgung bei Halbleitern zu kommen. „Unmöglich“ sei das in den kommenden fünf bis zehn Jahren, schreibt sogar das chinesische Wirtschaftsblatt Caixin und zitiert dazu den jüngsten Überblick von IC Insights in den USA über den chinesischen Halbleitermarkt.

Auch in anderen Bereichen haben Skeptiker China früher verlacht

All diese Einwände von Skeptikern mögen zwar ein korrekter Schnappschuss der gegenwärtigen Lage sein, erinnern aber gleichzeitig sehr daran, wie China früher in anderen Bereichen ausgelacht wurde. Zum Beispiel, als es zum ersten Mal ankündigte, die meisten Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen zu gewinnen oder bald zum Mars fliegen zu können. Beides ist inzwischen vollbracht. Was die Skeptiker ebenso unberücksichtigt lassen, ist die Tatsache, dass vier, fünf oder zehn Jahre für die Zentralplaner der kommunistischen Partei keine besonders lange Zeit sind. Man denkt da in Peking sehr strategisch und weit voraus.

Die Aufholjagd bei Chips ist ein langfristiges und diszipliniert ausgeführtes Projekt der KPCh. Es hat zwar jüngst neuen Anschub bekommen, vor allem durch die Demütigung des führenden chinesischen Tech-Konzerns Huawei durch den ehemaligen US-Präsident Donald Trump und sein Exportverbot für Halbleiter nach China. Doch begonnen hat die große Aufholjagd bereits im Jahr 2014, als Peking die ersten nationalen Entwicklungsrichtlinien für die heimische Halbleiter-Industrie veröffentlicht hat.

Trump-Politik hat Chinas Entschluss zur Selbstversorgung gefestigt

Im September 2014 wurde auch Chinas erster „Big Fund“ für Investitionen in die Halbleiter-Industrie aufgelegt. 138,7 Milliarden chinesische Yuan (rund 17,8 Milliarden Euro) wurden vom Finanzministerium in Peking und der chinesischen Entwicklungsbank zur Förderung der heimischen Chip-Designer, Foundries, der Hersteller von Spezialchemikalien und anderer Unternehmen in der Wertschöpfungskette bereit gestellt. Auch private Investoren werden beteiligt, was für ein sozialistisches Land recht fortschrittlich gedacht ist.

Der zweite „Big Fund“, aufgelegt im Oktober 2019, ist gerade dabei, die Industrie mit weiteren 200 Milliarden Yuan (knapp 26 Milliarden Euro) zu fördern. Er investiert in führende Chip-Hersteller wie SMIC, aber auch in Hersteller von Ausrüstung oder Schlüsselkomponenten wie Changchuan Tech oder das EDA-Unternehmen Ninestar.

China kann erstaunliche Erfolge vorweisen

Die Grenzen von Moore´s Law oder der Vorstoss zu 3 Nanometern mag noch immer ein Problem für die Taiwanesen oder die Südkoreaner sein, doch es hat in China im Laufe der zwei Big Funds auch Erfolgsgeschichten gegeben. So ist etwa die vom Staat geförderte Firma „Changjiang Electronics Technology“ innerhalb weniger Jahre zu drittgrössten Firma für Packaging- und Test-Dienstleistungen herangewachsen.

Das Fachmagazin Chipinsights hat die 60 verschiedenen Unternehmen analysiert, die im Laufe des ersten Big Fund gesponsert worden sind. Dabei wird deutlich, wie gründlich sämtliche Bereiche der Halbleiter-Wertschöpfungskette mit staatlichen Hilfen bedacht werden. Von Unternehmen im Bereich EDA (Empyrean, Ninestar) über die Wafer-Fertigung (SMIC, HLMC, etc.) über Packaging und Testing (neben Changjiang Electronics auch Tongfu Microelectronics und Huatian Technology) bis hin zu Produzenten von chemischen „Performance Materials“ ist alles dabei.

DRAM-Erfolg: Steigbügelhalter Qimonda

Zu den Erfolgsgeschichten gehört etwa die Firma „Changxin Memory Technology Inc.“, die 2016 zum Teil mit Staatsgeldern gegründet worden ist. Mit ein wenig Hilfe von der deutschen Firma Qimonda, auf deren zehn Millionen Tech-Dokumente die Chinesen zugreifen durften, ist Changxin inzwischen zu Chinas führendem Hersteller von DRAM-Memory-Chips geworden. Mittlerweile soll das Unternehmen schon rund vier Prozent der globalen Produktion herstellen, berichtet das Magazin Caixin.

Ein großer Teil des Chip-Marktes sind eben nicht nur die absolut modernsten 5-, 7- oder 14-Nanometer Chips. Bei Memory-Chips oder auch bei relativ gesehen weniger komplexen Chips wie denen für die Automobilindustrie, holt China momentan schon mit Riesenschritten auf. Es sei mit der Chipfertigung, technologisch gesehen, „wie bei einer Leiter“, zitierte die New York Times kürzlich einen Experten. „Die Chinesen klettern darauf gerade nach oben.“

Industriepolitisches Großmanöver setzt Milliarden in den Sand

Im Zuge dieses politisch motivierten, industriepolitischen Großmanövers nimmt Peking viel Verschwendung in Kauf. Der berühmteste Flop der Big-Fund-Förderung ist bis jetzt die Firma HSMC im zentralchinesischen Wuhan. Mehr als 16 Milliarden Euro sollten dort in eine der modernsten Foundries Chinas investiert werden, doch inzwischen liegt die Baustelle brach.

Überall in China werden jetzt gerade neue Milliarden in den Sand gesetzt, angefeuert von dem staatlichen Geldregen und kürzlich beschlossenen Steuerbegünstigungen für die Chip-Industrie. Selbst die chinesische Parteipresse, sonst durchaus patriotisch, mokiert sich über die „Drei-Nein-Unternehmen“ der Halbleiterindustrie: Erfahrung? Nein. Technologie? Nein. Mitarbeiter mit Know-How? Nein!

Prasselnder Subventionsregen lockt viele Firmen an

Und es geht ja gerade erst los. Der immer intensivere Subventionsregen lockt jetzt chinesische Unternehmen aller Art in die Halbleiter-Industrie, darunter Immobilienkonzerne, Spezialisten für Meeresfrüchte, Firmen auf dem tibetischen Hochplateau und in anderen obskuren Ecken des riesigen Reiches. Mehr als 13.000 neue Unternehmen im Bereich Halbleiter sind allein in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres neu registriert worden, pro Monat gut doppelt so viele wie im Jahr davor.

Doch wer sich über die nun zu beobachtende Ressourcen-Verschwendung lustig macht, verkennt möglicherweise die Entschlossenheit der chinesischen Führung. Ähnlich ging man beim Aufbau der heimischen Stahl- und Photovoltaik-Industrie vor. Heute ist China in beiden dieser Märkte weltweit führend.

Auch beim Aufpäppeln der heimischen Chip-Industrie nimmt Peking nun wieder einen gewissen Ausschuss in Kauf. Wie schlimm das ist, ist Ansichtssache. „Wir sollten das nicht als Verschwendung ansehen. Es ist der Preis, den man für die Entwicklung einer Industrie zahlen muss”, sagte Lu Lei, der Generalsekretär eines Industrieverbandes in Shanghai, kürzlich im Fernsehen. Immer mehr Analysten in China reden inzwischen davon, dass für Chinas Halbleiter-Industrie gerade ein goldenes Zeitalter beginnt.

* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den chinesischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.

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