Arbeitszeiterfassung: „Die Vertrauensarbeitszeit ist faktisch tot“

| Autor / Redakteur: Interview von Christine Demmer* / Martina Annuscheit

Laut EuGH werden Arbeitnehmer zukünftig gezwungen sein, wann immer sie arbeiten, Beginn und Ende der Arbeitszeit zu dokumentieren.
Laut EuGH werden Arbeitnehmer zukünftig gezwungen sein, wann immer sie arbeiten, Beginn und Ende der Arbeitszeit zu dokumentieren. (Bild: gemeinfrei / Pixabay)

Das Urteil des Europäischen Gerichtshof zur Zeiterfassung bedroht die Arbeit im Homeoffice, sagt der Jurist Peter Schrader.

Bald sollen Unternehmen die Arbeitszeiten ihrer Mitarbeiter lückenlos erfassen und dokumentieren. Das hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden. Arbeitgeber, die das bisher ihren Mitarbeitern überlassen haben („Vertrauensarbeitszeit“), stellt diese Vorschrift vor ein Riesenproblem, sagt Peter Schrader, Fachanwalt für Arbeitsrecht bei der Kanzlei Laborius in Hannover.

Mitarbeiter sollen heute möglichst agil arbeiten, flink, wendig und weitgehend selbstbestimmt, sprich: wann und wo sie wollen. Wie verträgt sich das mit der Stechuhr?

Peter Schrader: Überhaupt nicht. Die Arbeitnehmer werden zukünftig gezwungen sein, wann immer sie arbeiten, Beginn und Ende der Arbeitszeit zu dokumentieren. Man kann sich vorstellen, was dies für einen Aufwand darstellt, wenn sie nicht in einem Stück, sondern in vielen Teileinheiten arbeiten, je nachdem, wie viel Zeit ihnen gerade zur Verfügung steht. Die Dokumentation und das Nachverfolgen wird einen erheblichen Arbeits-, aber auch Kontrollaufwand mit sich bringen.

Und jetzt?

Das Urteil schlägt riesige Wellen. Denn die Vertrauensarbeitszeit, mit der die Arbeitgeber die Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften ihren Mitarbeitern anvertrauen, ist faktisch tot. Stattdessen werden jetzt reihenweise Zeiterfassungssysteme installiert, über die sich Mitarbeiter zur Arbeit an- und abmelden.

Auch diejenigen, die zu Hause arbeiten? Wie geht das im Homeoffice?

Mit der An- und Abmeldung am Firmenserver lassen sich die Arbeitszeiten auf die Minute genau festhalten. Diese Daten bleiben gespeichert, so dass der Dokumentationspflicht Genüge getan wird. Bei der Eigendokumentation des Arbeitnehmers wird der Arbeitgeber nicht umhinkönnen, die Angaben zu Beginn und Ende der Arbeitszeit zumindest stichprobenartig zu kontrollieren. Auch entsteht großer Verwaltungsaufwand.

Und wenn man zwischendurch zu einem Kunden fährt oder sich einen neuen Drucker besorgt? Gehört das nicht zur Arbeit?

Sämtliche Arbeitszeit, auch Kundengänge, zählen zur Arbeitszeit und sind zu dokumentieren. Unter Umständen muss der Arbeitnehmer dies nachtragen, wenn er sich wieder in das System einloggt. Einige Unternehmen gehen dazu über, spezielle Apps zu verwenden, mit denen die Arbeitnehmer sich auch per Handy an- oder abmelden können.

Für den EuGH stehen die Arbeitgeber in der Pflicht. Dürfen sie die Dokumentation der Arbeitszeit überhaupt an ihre Mitarbeiter - ob im Büro oder im Homeoffice - delegieren?

Das ist die entscheidende Frage. Die Meinungen in der arbeitsrechtlichen Literatur sind geteilt. Die Tendenz scheint dahin zu gehen, die Eigenaufzeichnungen der Arbeitnehmer für ausreichend zu halten. Auch vor dem Hintergrund, die Arbeit in einem Homeoffice, aber auch mobiles Arbeiten allgemein nicht gänzlich unzulässig zu machen. Die Alternative wäre, ein Homeoffice oder mobiles Arbeiten aufgeben zu müssen, um den Regelungen des Arbeitszeitgesetzes gerecht zu werden. In der heutigen Zeit des flexiblen und agilen Arbeitens kann dies eigentlich keiner wollen.

Reisezeiten zählen ebenfalls zur Arbeitszeit. Wie kann bei Langstreckenflügen von zwölf und mehr Stunden die Einhaltung der vorgeschriebenen Ruhezeiten sichergestellt werden?

Auch dies kann ein großes Problem werden, je nachdem, wie sich die Rechtsprechung entwickelt und ob der Gesetzgeber tätig wird. Denn das Bundesarbeitsgericht trennt zwischen vergütungspflichtiger Arbeitszeit und Arbeitszeit im Sinne des Arbeitszeitgesetzes. Wäre bei Interkontinentalflügen tatsächlich jede verbrachte Stunde Arbeitszeit im Sinne des Arbeitszeitgesetzes, müsste der Arbeitnehmer nach acht, maximal zehn Stunden die Reise unterbrechen, um seine Ruhezeit von elf Stunden einzuhalten. Die Auswirkungen auf Geschäftsreisen kann man sich ausrechnen.

Originalveröffentlichung auf SZ.de vom 30.09.2019

„Neue Arbeit“ – Regulierung statt Flexibilität

Gastkommentar

„Neue Arbeit“ – Regulierung statt Flexibilität

24.09.19 - Mobil und flexibel: Arbeitsminister Hubertus Heil hat seine Vorschläge für die Zukunft der Arbeit veröffentlicht. Doch er hat es verpasst, die richtigen Weichen zu stellen – neue Regulierungen könnten gerade den kleinen Unternehmen schaden. lesen

* Christine Demmer arbeitet als Wirtschaftsjournalistin in Deutschland und Schweden. Sie ist Managementberaterin, Coach und Autorin zahlreicher Sachbücher zu Kommunikations- und Personalthemen.

Kommentar zu diesem Artikel abgeben
Sich aufregen und meckern ist schnell getan! Diese Regelung ermöglichte doch insbesondere den...  lesen
posted am 11.10.2019 um 13:33 von Unregistriert

Solange das Prinzip Geld (Arbeitgeber) gegen Zeit (Arbeitnehmer) gilt, muss der Verkäufer (also...  lesen
posted am 10.10.2019 um 10:13 von Unregistriert

Die sind doch froh, sich so ausnehmen zu lassen. Eine Hand wäscht die andere.  lesen
posted am 09.10.2019 um 19:51 von Unregistriert

Mir scheint, dass der Arbeitnehmerschutz hier so langsam zur Arbeitnehmerlast wird. Klar soll...  lesen
posted am 09.10.2019 um 13:51 von Unregistriert

Als Freiberufler muss ich im Falle eines Dienstvertrags auch die Zeiten für die Abrechnung...  lesen
posted am 08.10.2019 um 08:18 von Olaf Barheine


Mitdiskutieren
copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de/ (ID: 46168312 / Management & Führung)