Trotz Handelsstreit und Corona Apple lässt immer mehr in China fertigen

Autor / Redakteur: Henrik Bork / Michael Eckstein

Von wegen „Decoupling“: Statt zu sinken, nimmt die Zahl der Apple-Zulieferer aus China zu. Erstmals stammen nun sogar die meisten aus dem Reich der Mitte. Passt das zum Weiße-Weste-Image des aktuell wieder wertvollsten Unternehmens der Welt?

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Premium: Apple-Produkte gelten als besonders hochwertig verarbeitet. Offenbar sind immer mehr chinesische Unternehmen in der Lage, die hohen Qualitätsstandards zu erfüllen, die Apple für seine Produkte fordert.
Premium: Apple-Produkte gelten als besonders hochwertig verarbeitet. Offenbar sind immer mehr chinesische Unternehmen in der Lage, die hohen Qualitätsstandards zu erfüllen, die Apple für seine Produkte fordert.
(Bild: Apple)

Apple gibt sich gerne als sauberes Unternehmen, das Nachhaltigkeit und Ressourcenneutralität anstrebt – und auf gute Arbeitsbedingungen bei seinen Zulieferern achtet. Dafür ist Transparenz wichtig – eine Eigenschaft, für die die Staats- und Wirtschaftslenker in China nicht gerade berühmt sind.

Ausgerechnet das Reich der Mitte hat nun Taiwan als den größten Zulieferer von Apple entthront: Zum ersten Mal liefern mehr Firmen aus der Volksrepublik Teile für das iPhone und andere Apple-Produkte als Firmen aus Taiwan. Dies zeigt eine kürzlich von Apple am Stammsitz in Cupertino veröffentlichte Liste. Das vom ehemaligen US-Präsident Donald Trump ersehnte „Decoupling“ – also die Reduzierung von Zulieferern aus der VR China in den internationalen Lieferketten – ist also zumindest bei Apple nicht zu beobachten. Im Gegenteil.

Chinesische Zulieferer: Von 42 auf 51 binnen zwei Jahren

2020 kamen 51 der Top 200 Zulieferer von Apple aus der Volksrepublik, heißt es in der kürzlich von Apple in Cupertino veröffentlichten Liste seiner aktuellen Zulieferer. 2018 waren es noch 42 gewesen. 2019 hatte Apple keine Zahlen veröffentlicht. „Washingtons Versuch, die US-amerikanischen und chinesischen Lieferketten voneinander zu lösen, hatte wenig Einfluss auf den wertvollsten Technologie-Konzern der Erde”, kommentierte die japanische Wirtschaftszeitung Nikkei Asia.

Taiwan stellte im vergangenen Jahr noch 48 Apple-Zulieferer, vier weniger als im Jahr zuvor. Dies war noch immer die zweitgrößte Gruppe nach der Volksrepublik, und taiwanesische Firmen wie Foxconn bleiben wichtige und große Zulieferer für Apple. Doch das ändert nichts daran, dass der Anteil festlandschinesischer Zulieferer in der Apple-Lieferkette wächst. Taiwan ist 2020 das erste Mal seit einem Jahrzehnt vom Spitzenplatz auf dieser Liste gestoßen worden.

Qualität und Preis als Auswahlargumente

Apple entscheide sich bei der Wahl seiner Zulieferer nach der Qualität ihrer Arbeit und nach dem Preis, sagen Analysten. Weder der eskalierende Handelsstreit zwischen Washington und Peking noch die Coronakrise und ihre Erschütterung der Lieferketten hatten daher einen negativen Einfluss auf den Anteil der chinesischen Beteiligung an der Produktion von Apple-Produkten. Stattdessen konnten die Chinesen im vergangenen Jahr ihre Position noch ausbauen und erstmals die Führung in diesem illustren Technologie-Rennen übernehmen.

„Apple ist für seine rigorosen Qualitätsstandards bekannt. Der Aufstieg chinesischer Zulieferer spricht daher für die steigenden fertigungstechnischen und technologischen Fähigkeiten in der Volksrepublik China - genauso wie für die Wettbewerbsfähigkeit der dortigen Preise”, schreibt Nikkei Asia.

(Bild: Asia Waypoint)

In die Lieferkette von Apple aufgenommen zu werden gilt als eine Art Adelsschlag für chinesische Firmen – der den Siegern dann oft schnell weitere Aufträge von internationalen Tech-Konzernen beschert. Wer Teile für das iPhone liefert oder dieses sogar zusammenbauen darf wie das taiwanesische Foxconn, gilt als einer der Besten in der Elektronikbranche. Entsprechend hart umkämpft sind die Lieferaufträge von Apple.

Chinesische Zulieferer werden offenbar immer besser

Ein Beispiel für den Ehrgeiz und den Fleiß, die für das Ergattern solcher Aufträge nötig sind, hat in den vergangenen Jahren die Firma Luxshare aus Dongguan in der südchinesischen Provinz Guangdong demonstriert. Luxshare ist bislang international wenig bekannt, könnte jedoch Berichten der Nachrichtenagentur Reuters zufolge bald die erste Firma aus der Volksrepublik werden, die iPhones bauen darf – eine Domäne, die bislang ausschließlich taiwanesischen Firmen vorbehalten ist.

Die jetzige Vorstandsvorsitzende von Luxshare hat einst als Arbeiterin bei Foxlink angefangen – einer Firma, die von T.C. Guo gegründet worden ist, dem Bruder des Foxconn-Gründers Terry Gou. Sie hatte sich dort zur Managerin hochgearbeitet und später eine Import- und Exportfirma für elektronische Bauteile gegründet. Daraus wuchs dann allmählich Luxshare, das zwar noch immer nur rund ein Fünftel des Umsatzes von Foxconn macht, dem taiwanesischen Riesen jetzt aber immer mehr Konkurrenz macht.

Foxlink: Vom Steckerlieferanten zum ersten chinesischen iPhone-Hersteller?

Der Gründerin von Luxshare wird ein ähnlicher Ehrgeiz nachgesagt wie den Foxconn-Gründern in Taiwan – und ein ähnlich starker Wille, hart zu arbeiten und schnell dazuzulernen. 2013 war die Firma von Grace Wang das erste Mal als Hersteller von Steckverbindern auf der Liste der Apple-Zulieferer aufgetaucht. 2017 dann durfte Luxshare bereits Airpods montieren, also die mit dem iPhone verkauften Kopfhörer – und seit 2019 auch die Apple Watch.

Obwohl Grace Wang und ihre Familie noch immer die meisten Anteile an Luxshare halten, die Firma also kein Staatsbetrieb ist, bekommt der aggressive, junge Apple-Zulieferer daheim auch viel Unterstützung von der kommunistischen Staats- und Parteiführung. Mehr als eine Milliarde Yuan (rund 130 Millionen Euro) an Regierungssubventionen habe Luxshare von 2016 bis Mitte vergangenen Jahres erhalten, berichtet Reuters. Auch ein staatlicher Investmentfonds aus der Volksrepublik hat in Luxshare investiert.

Mit bewährter Rezeptur zum Auftragshersteller

Mit genügend Geld und ersten Aufträgen von Apple ausgestattet, folgt Grace Wang demselben Rezept, mit dem sich einst das taiwanesische Foxconn zu einem der größten Auftragshersteller der globalen Elektronikindustrie aufgeschwungen hat: Sie kauft kleinere und größere Apple-Zulieferer auf, erweitert ihr Produkt-Portfolio und zementiert Schritt für Schritt ihre Beziehungen zu der berühmten Firma aus Kalifornien.

Bei Apple weiß man solche Zulieferer zu schätzen. Im Dezember 2017 besuchte der Apple-CEO Tim Cook die AirPod-Fabrik von Luxshare in Kunshan unweit von Shanghai und lobte vor Ort den Lebensweg der Firmengründern Wang als „die Realisierung des chinesischen Traumes“.

„Killerinstinkt“: Wettbewerber nach und nach aufgekauft

Und Grace Wang erwidert die Liebe auf ihre Art. Im Juli vergangenen Jahres kaufte Luxshare für 600 Millionen Yuan (rund 77 Millionen Euro) eine iPhone-Montage-Produktion von dem kleineren Foxconn-Wettbewerber Wistron. Seither gibt es die noch unbestätigten Medienberichte, Luxshare werde nun auch bald als erste chinesische Firma iPhones fertigen dürfen.

Ein weiteres Merkmal chinesischer Produzenten ist ihr langfristiges, strategisches Denken. Manche Branchenkenner reden sogar mit zähneknirschender Anerkennung von ihrem „Killerinstinkt“. Die Firmen in der Volksrepublik seien bereit, anfangs für so niedrige Margen zu arbeiten, wie sie andere Zulieferer sonst kaum akzeptieren, verriet ein Apple-Insider gegenüber Nikkei Asia. Sie arbeiten sich dann langsam nach oben und „können sich dann später um mehr Aufträge bewerben”, wird der Lieferketten-Manager aus Kalifornien zitiert.

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