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Apple: Droht nach Kauf von Intels Modemgeschäft neuer Ärger mit Qualcomm?

| Redakteur: Michael Eckstein

Nach der jetzt abgeschlossenen, endgültigen Übernahme von Intels 5G-Modemgeschäft könnte Apple möglicherweise schon bald seine iPhones und iPads mit eigenen Basisband-Chips ausrüsten. Dabei hatte das Unternehmen erst im Frühjahr einen langjährigen Liefervertrag mit Qualcomm geschlossen.

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Zweites Leben: Intels 5G-Multimode-Modem XMM 8160 könnte es unter Apples Ägide doch noch in die Großserienfertigung schaffen.
Zweites Leben: Intels 5G-Multimode-Modem XMM 8160 könnte es unter Apples Ägide doch noch in die Großserienfertigung schaffen.
(Bild: Intel Corporation)

In einem knappen Presse-Statement hat Intel mitgeteilt, dass der Verkauf seines Geschäfts für Modemchips, die Smartphones mit Mobilfunknetzen verbinden, an Apple seit dem 3. Dezember 2019 abgeschlossen ist. Nachdem es bereits im Frühjahr 2019 erste Spekulationen gegeben hatte, kündigte Intel am 25 Juli den geplanten Verkauf offiziell an. Für über 1 Mrd. US-Dollar hat der iPhone-Konzern nun ganze Standorte – etwa in Deutschland – samt Ausrüstungen und etliche Patente für Mobilfunktechniken übernommen. Insgesamt haben rund 2200 Mitarbeiter jetzt einen neuen Arbeitgeber.

Nach eigenen Angaben kann sich Intel durch den Verkauf nun darauf fokussieren, Computertechnik für 5G-Netzwerke zu entwickeln. Gleichzeitig hat sich der Konzern die Option offen gehalten, eigene Modems für Nicht-Smartphone-Anwendungen zu entwickeln – etwa für PCs, IoT-Geräte und autonom fahrende Autos.

Milliardenverlust durch Modemgeschäft

Das ist die offizielle, marketingtaugliche Darstellung. Was sie nicht sagt: Intel hat nach Milliardenverlusten die Notbremse gezogen. Grund dafür soll vor allem Modem-Marktführer Qualcomm gewesen sein, der seinen Hauptkonkurrenten im Geschäft mit Modemchips mit unlauteren Mitteln aus dem Markt gedrängt habe. Zuletzt sei auch noch Apple als Großkunde abgesprungen. Das hat Intel letzten Freitag in einem Prozess vor einem Berufungsgericht in San Jose, Kalifornien ausgesagt, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet.

Demnach habe Qualcomm seine Marktmacht missbraucht und durch wettbewerbsfeindliches Verhalten Konkurrenten praktisch „abgewürgt“. Intel habe über Jahre hinweg Milliarden US-Dollar investiert, tausende Experten eingestellt und Firmen übernommen, um konkurrenzfähige Modemprodukte zu entwickeln, gibt Steven R. Rodgers an. Wie der Leiter von Intels Rechtsabteilung weiter ausführt, sei es letztlich aber nicht gelungen, Qualcomms „künstlich errichteten Barrieren zu überwinden und zu einem fairen Wettbewerb zu gelangen“.

Immer wieder Vorwürfe gegen Qualcomm

Das ist nicht neu: Mit derartigen Vorwürfen sieht sich Qualcomm seit Jahren immer wieder konfrontiert. In der Folge sucht die US-Wettbewerbsbehörde FTC (Federal Trade Commission) seit einiger Zeit nach Wegen, Qualcomm stärker zu reglementieren. Bei Verstößen sollen hohe Strafzahlungen drohen. In einer 233-seitigen Schrift vom Mai begründete US-Bezirksrichterin Lucy Koh in San Jose, dass Qualcomm Wettbewerber mit seinen Lizenzierungspraktiken für Patente in Teilen des Marktes für Modemchips benachteiligt habe – wörtlich schreibt sie „abgewürgt“. Sie verdonnerte den in San Diego ansässigen Anbieter, Lizenzvereinbarungen zu angemessenen Preisen neu zu verhandeln.

Gegen den Beschluss der FTC wiederum geht Qualcomm derzeit vor. Das Bezirksgericht soll nun klären, ob die FTC-Maßnahmen rechtmäßig sind. In die Hände könnte dem Modem-Macher eine Beurteilung des Pentagon und des Energieministeriums spielen: Beide haben dem US-Konzern im Juli bescheinigt, als vertrauenswürdiger Lieferant von 5G-Technik kurzfristig unersetzbar zu sein. Das wiegt schwer, denn in der weltweit diskutierten Causa Huawei steht der Vorwurf im Raum, chinesische 5G-Technologie sei nicht vertrauenswürdig und ließe sich unter anderem für staatlich gelenkte (Industrie-)Spionage nutzen.

Ursprünglich hatte Apple geplant, 5G-Modems von Intel für seine nächsten iPhone-Generationen einzusetzen – und damit seinen langjährigen Technologiepartner Qualcomm aus den eigenen Produkten zu verbannen. Doch nach einem Fehlstart und einem jahrelangen, mit harten Bandagen gekämpften Rechtsstreit wegen möglicherweise unlauteren Lizensierungspraktiken seitens Qualcomm musste der Konzern aus Cupertino letztlich zurückrudern. Zumindest die nächsten iPhone-Generationen werden mit Qualcomm-Modems bestückt sein. Das besagt ein für sechs Jahre geschlossener Vertrag zwischen beiden Unternehmen. Interessant ist, dass bislang weder Samsung noch Mediatek mit ihren 5G-Lösungen bei Apple zum Zuge kamen.

Apple will in Punkto Modem unabhängig werden

Mit dem Kauf von Intels Modem-Abteilung verfolgt Apple ganz offensichtlich das Ziel, bei dieser Kernkomponente moderner Smartphones unabhängig von Zulieferern – sprich Qualcomm – zu werden. Im aktuellen iPhone 11 setzt Apple noch Intel-4G-Chips ein, wird aber voraussichtlich ab 2020 auf 5G-Modems von Qualcomm umschwenken.

Da Intel bei der Entwicklung der 5G-Modems schon weit fortgeschritten war – Vorserienchips gab es bereits – ist es gut möglich, dass Apple in naher Zukunft 5G-fähige iPhones mit eigenen Chips auf Basis der Intel-Technik auf den Markt bringt. Ob und wie sich das mit dem langjährigen Qualcomm-Liefervertrag verträgt, bleibt abzuwarten. In der Vergangenheit hat sich Qualcomm wenig kompromissbereit gezeigt – siehe oben. Zumal Apple mit den Modems von Intel voraussichtlich auch dessen schwelenden Ärger mit Qualcomm übernommen hat.

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