„Angespannte Liefersituation für diskrete Halbleiter und passive Bauelemente“

| Autor: Margit Kuther

Erfolgreiches 2018: Die Distributoren führen die positive Entwicklung von 2017 fort.
Erfolgreiches 2018: Die Distributoren führen die positive Entwicklung von 2017 fort. (Bild: gemeinfrei / CC0)

Welche Trends bestimmen das Jahr 2018, welche Bauteile könnten knapp werden? Keiner weiß dies besser als die Distributoren. In diesem Teil blicken Arrow, Codico, Distrelec und Endrich für Sie in die Glaskugel.

Elektronikpraxis befragte zum Jahresanfang die Distributoren sowie den Fachverband der Bauelemente Distribution (FBDi) zu Herausforderungen wie Lieferengpässe und EU-Datenschutzgrundverordnung (EU-DSGVO), zu Trends sowie zur digitalen Kryptowährung Bitcoin. Lesen Sie in diesem Teil der Serie die wichtigsten Aussagen von Arrow, Codico, Distrelec, Endrich.

Arrow: Die Anbieterlandschaft wird immer komplexer

Jörg Strughold, Vice President Sales, EMEA Components: „Das Jahr 2017 war für die Distribution ein sehr gutes Jahr und wir gehen davon aus, dass sich diese positive Entwicklung in diesem Jahr fortsetzt. Die Herausforderungen hinsichtlich längerer Lieferzeiten in einigen Produktbereichen haben wir ebenso in das neue Jahr mitgenommen, und hier gilt es, fortlaufend den Bestand entsprechend zu managen und weiterhin langfristige Planungen gemeinsam mit dem Kunden vorzunehmen.

Nach wie vor sind makroökonomische Schattenseiten, die die Konjunktur insgesamt möglicherweise eintrüben könnten, in vielen Bereichen nur Spekulation. Die allgemeinen Geschäftserwartungen stellen sich weiterhin gut dar. Im Wachstumsmarkt IoT gilt es, sich zusätzlich zum Produkt- und Service-Angebot als Guide und Trusted Advisor einzubringen, da die Anbieter-Landschaft immer komplexer wird.“

Distrelec: Das erhöhte Bestellvolumen logistisch bewältigen

Michael Jakal, Geschäftsführer: „In 2018 wird die Elektronik-Branche nahtlos an das erfreuliche Jahr 2017 anknüpfen können. Infolge des exzellenten allgemeinwirtschaftlichen Klimas verzeichnen wir eine überdurchschnittliche Nachfrage nach Komponenten. Im OEM-Bereich sind die Auftragsbücher gut gefüllt und der Aufwärtstrend im Kleinserien- und MRO-Geschäft hält an. Das anhaltend hohe Nachfrageniveau wirkt sich auf die Lieferkette aus.

In einigen Fällen begegnen uns wieder Verknappungen, wie wir sie zuletzt 2009 nach der Finanzmarktkrise gehabt hatten. Das vorausschauende Beschaffungsmanagement ist deshalb sehr wichtig in diesem Jahr bei Distrelec. Eine andere Herausforderung ist die logistische Bewältigung des erhöhten Bestellvolumens. Insoweit haben wir mit der Errichtung unseres neuen Zentrallagers in Hertogenbosch rechtzeitig die Weichen gestellt, um die Boom-Phase kundengerecht bewältigen zu können.“

Endrich: Strukturierte Koordination von Ware und gezieltem Transfer

Falko Neubert, CTO: „Eine der wesentlichsten Herausforderungen ist die bestehende und sich in den kommenden Monaten weiter zunehmende Verknappung von elektronischen Bauelementen. Wir arbeiten gemeinsam mit unseren Kunden und Herstellern an kurz- und mittelfristigen Lösungen im Hinblick auf Produktion und Transport-Logistik. Einer weiterer Punkt ist die Anforderung der Kunden ganzheitliche technische Lösungen für deren Applikation zu bekommen. Dieser Aspekt kann nur mit Fachkompetenz in unserem Hause und dem entsprechenden vertrieblichen Transfer zum Kunden gelöst werden.“

Codico: Richtige Strategie zur richtigen Zeit

Sven Krumpel, Geschäftsführer: „Wir haben ein außergewöhnlich erfolgreiches 2017 hinter uns. Erstmals in der vierzigjährigen Geschichte CODICOs konnten wir einen Umsatz von über EUR 150 Mio erreichen. Trotz eines unruhigen Marktumfeldes in den vergangenen Jahren, erleben wir einen sehr positiven Aufwärtstrend weit über dem Branchendurchschnitt. Wir blicken auch weiterhin positiv gestimmt nach vorne. Natürlich sind wir alle auch kritischen Faktoren, punktuellen Engpässen ausgesetzt, aber wir gehen unseren Weg. Unser Ziel heißt auch weiterhin Wachstum.“

Bei welchen elektronischen Bauteilen besteht aktuell oder in nächster Zukunft eine Verknappung?

Strughold: „Diverse Komponenten aus dem Bereich passive Bauteile sind von einer Verknappung derzeit betroffen, beispielsweise Widerstände und Kondensatoren. Auch diskrete Power-Komponenten sind betroffen. Hier gilt es in Abstimmung mit den Herstellern die Bestände zu managen, und mit Kunden langfristig zu planen. Wir haben bereits Mitte/Ende 2016 damit begonnen, Bestand entsprechend aufzubauen und Reichweiten in einigen Bereichen zu verdoppeln. Der kontinuierliche, strategische Austausch mit Herstellern und Kunden ist von sehr hoher Bedeutung, um diese Entwicklung zu adressieren.“

Krumpel: Bis auf wenige Produktgruppen – wie manche MLCCs – können wir derzeit keine Allokation in dem Ausmaß vergangener Jahre feststellen. Die Ware ist lieferbar, auch wenn man längere Lieferzeiten berücksichtigen muss.“

Jakal: „Wir beobachten seit einiger Zeit eine angespannte Liefersituation im Bereich diskreter Halbleiter und passiver Bauelemente. Bei einigen MLCC Keramikkondensatoren müssen wir uns gar auf sechs Monate Lieferzeit einstellen. Gottseidank betrifft das nicht alle Hersteller und nicht alle Serien in gleichem Maße. Unser Product Management hat ein waches Auge auf die Situation, und wir versuchen rechtzeitig gegenzusteuern.“

Einerseits sind wir ja traditionell sehr breit aufgestellt und haben deshalb viele Alternativen in petto. Zusätzlich schauen wir uns immer nach sinnvollen Sortimentsergänzungen um. Und nicht zuletzt haben wir die Mindestlagerbestände nach oben gefahren, um einen größeren Puffer zu haben. Aber man kann selbstverständlich nicht von jedem Artikel einen Zweijahresbedarf hamstern, das ist wirtschaftlich nicht darstellbar.“

Neubert: „Insbesondere bei passiven Bauelementen ist eine starke Verknappung zu spüren. Wir gehen dieses Thema mit intensiver und offener Kommunikation sowohl mit den Herstellern als auch den Kunden an. Unsere Aufgabe in dieser Situation ist um so mehr die strukturierte Koordination von Ware und der gezielte Transfer von Informationen in beide Richtungen. Unsere davon betroffenen Hersteller bauen momentan ihrer Produktion aus.“

„Darüber hinaus erweitern wir gerade unsere Lagerflächen mit dem Bau eines neuen, hoch modernen Distributions-Centers am Hauptsitz in Nagold. Dieses neue Distribution-Center wird ab Mitte 2018 in Betrieb gehen. Wir können dadurch, neben einem größeren Umschlag, wesentlich effizienter agieren und auf derartige Bedarfssprünge zukünftig besser reagieren.“

Welche technologischen Trends sehen Sie für 2018?

Strughold: „Arrow legt ein besonderes Augenmerk auf den Bereich IoT und alle seine Facetten, ein Gesamtansatz, den wir „Senor to Sunset“ nennen. Gerade erst haben wir mit eInfochips eine bedeutende Akquisition getätigt. Der globale Anbieter für Produkt-Engineering, Chip Design und Embedded Software ist ein wichtiger Baustein in unserer IoT-Strategie. Viele IoT-Projekte gehen jetzt in die konkrete Umsetzung.

IoT treibt diverse Produktsegmente, allem voran Sensorik und Wireless-Konnektivität, aber auch Security wird gerade in diesem Bereich enorm wichtig. Insgesamt wird die digitale Transformation weiter voranschreiten, sowohl bei uns selbst als auch beim Kunden. Dementsprechend bauen wir auch unser digitales Geschäft und unsere digitale Linecard weiter aus.“

Jakal: „Unsere Kunden im Maschinen- oder Schaltschrankbau legen zunehmend Wert auf standardisierte, schlanke Applikationen, die ein Höchstmaß an Fertigungs-Flexibilität bieten, Zeit sparen und die Time-to-Market senken. Solche Komponenten-Familien sind in den Bereichen Prozessautomation, IT-Lösungen und Verdrahtung verfügbar. Darüber hinaus erwarten wir in diesem Zusammenhang eine Ausweitung des Angebotes dezentraler IT-Schutzsysteme. Dezentrale Strukturen werden auch durch den zunehmenden Einsatz von IoT-Komponenten unterstützt.“

Neubert: „An Trends sehen wir E-Mobility, IoT, KI (künstliche Intelligenz bzw. selbst lernende Systeme), Edge Computing (Informationsverarbeitung näher an der Quelle). An Komponenten, die durch diese Trends besonders benötigt werden, sehen wir passive Bauelemente, Sensoren, Vibrationsmotoren (haptisches Feedback), Kommunikations-Module (insb. drahtlos), Displays (insb. mit Touch-Funktion), Panel-PCs und Licht-Lösungen

Im Mai 2018 endet die Übergangsfrist zur neuen EU-Datenschutzverordnung (EU-DSGVO). Wie können Sie Ihre Kunden dabei unterstützen?

Strughold:„Die neue EU-Datenschutzverordnung ist ein gewichtiges Thema, das viele verschiedene Bereiche betrifft und trotz der Dringlichkeit mit Blick auf den nahenden Stichtag noch nicht in allen Unternehmen angekommen ist. Umso wichtiger ist es, dass wir unseren Kunden zur Seite stehen, und die Thematik im Rahmen unseren beratenden Leistungen anbieten, etwa die Notwendigkeit technischer Dokumentationen bei neuen Designs, die genau diese Fragestellungen adressieren. Dies bedeutet, dass die rechtlichen Aspekte hinsichtlich Schutz vor Datenmanipulation, Identitätsdiebstahl sowie Vertraulichkeit und Schutz der Hardware frühzeitig im Entwicklungsprozess berücksichtigt werden müssen.

Beispielsweise kann eine technische und organisatorische Maßnahme PKI (Public-Key-Infrastructure) sein, um eine robuste sowie vertrauenswürdige digitale Vertrauenskette zwischen verschiedenen Entitäten wie Arrow, dem Produktionsprozess und Endkundensystem bis hin zum Cloud Provider zu schaffen. Es gibt viele technische Details, die dabei berücksichtigt werden müssen, nicht allein aber gerade auch bei IoT, und Arrow hat diese bei neuen Projekten, die wir gemeinsam mit Kunden umsetzen, im Blick.“

Krumpel: „CODICO bereitet sich im Rahmen diverser Projekte auf die neue Datenschutzverordnung vor. Da wir Datenschutz sehr ernst nehmen, widmen wir diesem Thema auch entsprechende Aufmerksamkeit – nicht nur aufgrund der neuen Verordnung. Wir unternehmen diverse Schritte, um der neuen Verordnung ebenso wie den Anforderungen unserer Kunden gerecht zu werden.“

Jakal: „Der Schutz der Privatsphäre ist ein hohes Gut, und deshalb ist die Harmonisierung des Rechtsrahmens innerhalb der EU genau der richtige Schritt. Viele Distrelec-Kunden nutzen unsere E-Commerce- und E-Procurement-Lösungen zur Vereinfachung des Bestellwesens. Da die Anwendungen oftmals auf dem Kundenserver laufen, haben wir eine hohe Verantwortung für die Datenschutz-Konformität der Prozesse.

Grundsätzlich gehen wir beim Datenschutz sehr restriktiv vor, d.h. sensible Daten sollten wirklich nur in dem Umfang erhoben werden, wie es für den Betriebsablauf erforderlich ist. Es ist aber zu beachten, dass sich der Geltungsbereich der DSGVO nur auf die B2C-Relation erstreckt. Im geschäftlichen B2B-Alltag ist die DSGVO nicht anwendbar. Was wiederum nicht bedeutet, dass man mit den Daten seiner Unternehmenskunden machen darf was man möchte.“

Welche Bedeutung haben digitaler Währungen wie der Bitcoin für die Wirtschaft und den Handel 2018 und die folgenden Jahre?

Strughold: „Arrow betreibt seine Geschäftsaktivitäten in traditionellen Währungen. Digitale Währungen sind ein interessantes aber auch sehr stark kontrovers diskutiertes Thema, das wir beobachten.“

Krumpel: „Selbstverständlich verfolgen wir dieses Thema, allerdings handelt es sich hier nicht um eine Währung, die von uns unterstützt wird oder auch seitens unserer Kunden gewünscht wird.“

Jakal: „Der rasante Höhenflug des Bitcoin an den Börsen hatte etwas Unwirkliches, denn im realen Wirtschaftsgeschehen spiegelt sich der gehandelte Wert nicht wider. Stabilität und Berechenbarkeit sind jedoch zwingende Voraussetzungen für jede Währung, andernfalls ist die Preiskalkulation ein Vabanquespiel. Wir sind gespannt, welche neuen Zahlungsformen sich langfristig durchsetzen. Wir sind für Neuerungen immer offen.“

Neubert: „Digitale Währungen wie der Bitcoin sind vom Ansatz her ein hoch effizientes Zahlungmittel für Wirtschaft und Handel. Allerdings bin ich der Meinung, dass diese Zahlungsmittel aus dem Blickwinkel "Sicherheit" noch nicht ausgereift sind. Daher werden sie sowohl in 2018 als auch in den nächsten drei Jahren nur langsam generelle Anerkennung und damit Anwendung finden.“

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