Auswirkungen der Stromknappheit Analyse: Energie-Engpass in China ist für alle sehr gefährlich

Autor / Redakteur: Michael Gasch / Johann Wiesböck

Ist die Volksrepublik weiterhin ein zuverlässiger Industriestandort? Die jüngsten Strom-Stopps in China säen Zweifel – und weitere Energierestriktionen werden voraussichtlich folgen. Eine Analyse.

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Massive Stromversorgungsprobleme in China könnten weltweit zu erheblichen Einschränkungen in vielen Märkten führen.
Massive Stromversorgungsprobleme in China könnten weltweit zu erheblichen Einschränkungen in vielen Märkten führen.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Die jüngste dunkle Wolke am Konjunkturhimmel ist die Energieknappheit in China. Der Preisanstieg der letzten Monate bei Öl und Gas wird uns bei jedem Tankstellenbesuch bewusst und wir arrangieren uns so gut es geht. Aber nun sind es massive Stromversorgungsprobleme in China, die zu erheblichen Einschränkungen führen – nicht nur in China selbst – sondern weltweit. Diese Krise ist vor allem politischer Natur. Verschiedene Themen, die auf den ersten Blick nicht miteinander verbunden sind, haben sie verursacht; hier eine Auswahl:

1. China wird seit Jahren weltweit wegen seiner Umweltpolitik kritisiert. Die Umweltverschmutzung wurde inzwischen mit ambitionierten Zielen in Angriff genommen: Bis 2060 soll CO2-Neutralität erreicht werden und zu den olympischen Winterspielen (02/2022) will man zeigen, wie sauber die Luft in China ist.

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2. 60 - 70 Prozent des Stroms wurden 2020 durch Kohlekraftwerke erzeugt. Chinesische Kohle ist aber sehr schwefelhaltig und in den letzten Jahren wurden mehrere Kraftwerke stillgelegt. Die bislang importierte australische Kohle fiel der Kritik Australiens an China (Corona, Uiguren, Hong Kong) zum Opfer, ohne dass ausreichende Mengen als Ersatz gefunden wurden. Deshalb verdreifachte sich der Preis für chinesische Kohle. Weil aber der Strompreis gedeckelt ist, können die Stromerzeuger die Mehrkosten nicht weitergeben und drosseln deshalb die Stromproduktion, um die Verluste in Grenzen zu halten.

3. Das chinesische Wachstum der ersten drei Quartale 2021 überstieg die Zielsetzung bereits deutlich. Für das Gesamtjahr waren „über 6 Prozent“ geplant, die Prognosen für 2021 ließen bislang aber 8,2 Prozent erwarten, aber der Stromverbrauch stieg dem gegenüber in den ersten acht Monaten 2020 um 13,8 Prozent. Mit der Begründung des Klimaschutzes wurde die Stromzuteilung gekürzt, denn schließlich wird der wesentliche Mehrbedarf, verbunden mit vorhersehbaren Engpässen, erst im Winter auftreten. Die Kürzungen haben den Nebeneffekt, dass nunmehr (durch den Produktionsausfall) ein reduziertes Wirtschaftswachstum von 7,7 Prozent erwartet wird. Die Stromsperren betreffen alle Provinzen, die die Ziele nicht erreicht haben (das sind 10 von 23) und dort sind nicht nur industrielle Stromverbraucher, sondern alle energieintensiven Bereiche, also auch Straßenbeleuchtung und Haushalte, betroffen.

4. Chinas Bestrebungen, Taiwan zu übernehmen, werden immer deutlicher. Besonders hart betroffen sind die Provinzen Guangdong, Jiangsu und Zhejiang. Dort sind interessanterweise besonders viele Firmen mit taiwanesischen Eigentümern ansässig. In den genannten Provinzen werden mehr als ein Drittel aller Leiterplatten Chinas gefertigt – in den Städten Kunshan und Suzhou allein sind es 10 Prozent. Mit den Stromsperren sollen diese Firmen offenbar „diszipliniert“ werden.

5. Der bevorstehende Zusammenbruch der Immobiliengruppe „Evergrande“ dominierte die Schlagzeilen der letzten Wochen. Weil die Parteiführung negative Schlagzeilen scheut, wurde wohl ein Ablenkungsmanöver inszeniert, was die Aufmerksamkeit ablenkt.

Das sind aber nur die Auswirkungen innerhalb Chinas. Was bedeutet das aber für den Rest der Welt?

Mit Corona kam im März/April 2020 zunächst alles zum Stillstand. Nirgends wurde produziert, niemand brauchte etwas. Zunächst fielen die Metallpreise und Erzabbau auf historische Tiefststände. Als kurz darauf Produktion und Nachfrage wieder anstiegen, gab es die ersten Lieferprobleme und, als Konsequenz, erhebliche Preissteigerungen. Selbstverständlich spielen bei der Preisfindung eine Reihe von Faktoren eine Rolle, doch die Bedarfsentwicklung ist dabei ein wesentlicher Punkt.

China verbraucht über die Hälfte aller Elektronik-Metalle

Je stärker sich die Wirtschaft erholte, – vor allem in China, aber auch in anderen Weltregionen – umso größer wurde der Energiebedarf. Also stiegen die Notierungen für Kohle, Öl und Gas. Seit dem Tiefstpunkt im April 2020 verteuerten sich Metalle zwischen 70 Prozent (Al) und 133 Prozent (Sn) und Öl um 240 Prozent. Weitere, deutliche Preissteigerungen bei Metallen sind besonders seit Beginn des 2. Halbjahres 2021 zu verzeichnen.

China verbraucht mehr als die Hälfte aller für die Elektronik wichtigen Metalle und produziert diese Mengen auch zum größten Teil selbst. Kupfer war das erste Metall, das im letzten Quartal 2020 deutlich teurer wurde. Reduzierte Minenaktivität, Engpässe in der Logistik und bei der Weiterverarbeitung zu Folien setzten eine Preissteigerungswelle für Laminate in Gang, die bislang noch nicht beendet ist. Es muss damit gerechnet werden, dass wegen des zusätzlichen Wettbewerbs durch E-Autos auch weiterhin die Verfügbarkeit von Folien ein Thema sein wird.

Laut Michael Gasch von Date4PCB könnte die Energieverknappung in China massiv negati-ve Folgen für die ganze Welt mit sich bringen.
Laut Michael Gasch von Date4PCB könnte die Energieverknappung in China massiv negati-ve Folgen für die ganze Welt mit sich bringen.
(Bild: Data4PCB)

Das Basismaterial für Leiterplatten besteht – neben der Kupferfolie – aus Glasgewebe und Harz; alle diese Komponenten sind nur mit hohem Energieeinsatz herzustellen. Zinn – ein in der Elektronik bislang unerlässliches Material – wird z. T. in Provinzen mit Strom aus Wasserkraftwerken erschmolzen, doch die diesjährige Trockenheit – z. B. in der Provinz Yunnan – führte schon im Mai zu Abschaltungen. Während frühere Stromsperren das Ziel hatten, zwischen 10 und 30 Prozent einzusparen, heißt es jetzt: „open 2, stop 5“. Das heißt, dass in einzelnen Regionen nur noch an zwei Tagen pro Woche produziert werden darf und auch die Produktion in anderen Landesteilen kam unter Druck.

Über 95 Prozent der chinesischen Aluminiumproduktion wird im Land verbraucht. Wichtige Anwendungen sind Bauteile, aber auch Wärmeableitung in der Leiterplattenproduktion oder bei Baugruppen. Die Produktion verbraucht aber Unmengen von elektrischer Energie, die zu 90 Prozent in Kohlekraftwerken generiert wird.

Allein mit diesen, für die gesamte Elektronik wichtigen Produkte, hält die chinesische Regierung die Welt in Schach, denn eine Vielzahl von Unterlieferanten in der globalen Wertschöpfungskette ist von den Stromkürzungen – direkt und indirekt – betroffen.

Von den insgesamt 23 chinesischen Provinzen erreichten zehn nicht verordnete Vorgaben. Besonders stark betroffen sind die Provinzen Jiangsu, Zhejiang und Guangdong. Dort sind knapp 90 Prozent aller in China produzierenden Leiterplattenhersteller ansässig – und von diesen gehört der größte Teil taiwanesischen Firmen.

Das angespannte Verhältnis zu Taiwan wurde in den letzten Wochen durch vermehrte Verletzung des taiwanesischen Luftraums durch chinesische Kampfflugzeuge deutlich. Daher liegt die Vermutung nahe, dass die taiwanesischen Eigentümer von Fabriken in China zusätzlich diszipliniert werden sollen.

Alle Industriezweige leiden unter der ohnehin bereits vorhandenen Unterversorgung. Daher kommen die jetzt verhängten Produktionskürzungen zu einer äußerst ungünstigen Zeit, denn das 3. und der Beginn des 4. Quartals sind die für die chinesische Industrie wichtigsten Monate. Eine Reihe von umsatzstarken Wochen (‚back to School‘, ‚Black Friday‘, Weihnachten und die Vorbereitungen für die Zeit des chinesischen Neujahrs) stehen im Westen vor der Türe und zusätzlich leidet der Handel unter den Problemen der Logistik.

Die Produktionsverbote und ihre Folgen

Die Ende September für Kunshan, Suzhou und Guangdong verfügten Produktionsverbote dauerten „nur“ vier Tage, sind aber Teil der neuen Industriepolitik. Nicht nur die Schwer-, Textil- oder die Elektronikindustrie sind von den Stromsperren betroffen, auch in der Nahrungsmittelverarbeitung, kommunalen Einrichtungen (Straßenbeleuchtung, Ampeln) oder im privaten Sektor wird die Stromversorgung mit nur minimalen Vorankündigungszeiten unterbrochen (wer im Fahrstuhl sitzt, oder ein Elektroauto hat, das er nun nicht laden kann, hat Pech gehabt).

Die Stillstände haben besonders in der Chemie- und Kunststoffindustrie erhebliche Auswirkungen. Es war zunächst noch unklar, ob es im Oktober zu weiteren Stillständen kommen würde, doch nachdem am 1. 10. die Stromsperren aufgehoben waren, kam es in den gleichen Provinzen ab 5. 10. zu erneuten Einschränkungen. Diesmal wurde der Stromverbrauch lediglich mit einer Stärke von 220 V erlaubt, der Verbrauch von Industriestrom (380 V) wurde – je nach Unternehmen – auf wenige Nachtstunden reduziert. Dazu kam der Hinweis, dass jederzeit mit weiteren Stromausfällen gerechnet werden muss.

Weil sich China der Welt aber zu den olympischen Winterspielen (Februar 2022) mit sauberer Luft präsentieren will, ist zu befürchten, dass in den Wintermonaten – in denen die Heizperiode hinzukommt – weitere Eingriffe erfolgen. Auch die Zielsetzung der ehrgeizigen Klimaziele deutet darauf hin, dass Stromsperren in den kommenden Jahren zur neuen „Normalität“ wer-den – und das dürfte wesentliche Auswirkungen auf künftige Investitionen ausländischer Firmen in China haben.

Fragen zu diesem Artikel und generell zu den Entwicklungen in China beantwortet Autor Michael Gasch via E-Mail: info@data4pcb.com.

* Michael Gasch ist Marktforscher bei Date4PCB und spezialisiert auf die Leiterplattenbranche. Er begleitet und kommentiert die Entwicklungen in der Elektronikwelt seit Jahrzehnten.

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