Messtechnik-Geschichte 75 Jahre Tektronix: Europa spielt eine zentrale Rolle

Die Geschichte des US-Tech-Unternehmens Tektronix beginnt im Jahr 1946, kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieges. Europa gehörte von Anfang an zu den wichtigsten Märkten. Begleitet wird die Geschichte von Tektronix von seinen Oszilloskopen.

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Tektronix: Seit der Gründung von Tektronix im Jahr 1946 war und ist das Oszilloskop eines der wichtigsten Produkte des Tech-Unternehmens.
Tektronix: Seit der Gründung von Tektronix im Jahr 1946 war und ist das Oszilloskop eines der wichtigsten Produkte des Tech-Unternehmens.
(Bild: Tektronix)

Jubilare berichten gerne von ein paar Anekdoten aus ihrem Leben. Bei Tektronix war es im Juni 1947, ein knappes Jahr nach der Unternehmensgründung: Das zweite Oszilloskop mit der Bezeichnung 511 und einem Frequenzspektrum von 10 Hz bis 10 MHz wird vorgestellt. Ein Leichtgewicht war das Oszilloskop nicht, wog es doch 29 kg und verbrauchte eine Leistung von 180 W. Gekauft hatte es die University of Oregon Medical School für rund 800 US-Dollar.

Der europäische Markt war auch schnell ein Ziel von Tektronix. Nicht unwesentlich dazu beigetragen hatte die Gründung der NATO im Jahr 1949 und der zunehmende Wohlstand nach dem Zweiten Weltkrieg. Der europäische Markt war reif für Prüfgeräte der wachsenden Elektronikindustrie.

Schließlich entschlossen sich die Entscheider des Unternehmens, eine Produktions- und Entwicklungsrepräsenz auf der Kanalinsel Guernsey im Jahr 1958 zu eröffnen [1]. Damit wollte die Unternehmensleitung sicherstellen, dass es möglichst wenig Kommunikationsprobleme gibt. Ein Jahr später folgte ein Produktionsbetrieb.

Tektronix produziert in den Niederlanden

Jetzt wollte Tektronix stärker in den europäischen Markt einsteigen. So kaufte man 1960 das erste Grundstück in den Niederlanden. Tektronix NV begann 1962 mit der Produktion im niederländischen Heerenveen. Das war auch das Jahr, als Tektronix sein erstes digitales Oszilloskop auf den Markt gebracht hatte.

Im Jahr 1964 begann der 17-jährige Elektroniktechniker Gerrit DeVries in Heerenveen seine Tätigkeit im Unternehmen. Das hatte er mit den Worten beschrieben: „Ich prüfe und kalibriere die großen statischen Oszilloskope der Serie 540, die Vakuumröhren und Keramikstreifen anstelle von Leiterplatten enthielten“ „Als ich anfing, sagte man mir, dass Manager gerne mit ihrem Vornamen angesprochen werden“, erzählt Gerrit. „Als 17-Jähriger war das eine angenehme Überraschung, und ich fühlte mich wie zu Hause“, resümierte er.

Unterhaltungselektronik sowie Luft- und Raumfahrt

Das Oszilloskop Modell 511 wurde im Juni 1947 vorgestellt. Es war allerdings das zweite Produkt. Zuerst kam Typ 101 mit Video Calibrator auf den Markt. Eine überarbeitete Version 511A wurde 1950 eingeführt. Howard Vollum war direkt an der Entwicklung des 511 beteiligt.
Das Oszilloskop Modell 511 wurde im Juni 1947 vorgestellt. Es war allerdings das zweite Produkt. Zuerst kam Typ 101 mit Video Calibrator auf den Markt. Eine überarbeitete Version 511A wurde 1950 eingeführt. Howard Vollum war direkt an der Entwicklung des 511 beteiligt.
(Bild: Tektronix)

Die beiden Gründer Howard Vollum und Melvin Murdock.
Die beiden Gründer Howard Vollum und Melvin Murdock.
(Bild: Tektronix)

Die frühen 1960er Jahre waren eine Zeit des großen technischen Wandels, in der integrierte Schaltkreise so verschiedene Märkte wie die Unterhaltungselektronik und die Luft- und Raumfahrt revolutionierten. Zur gleichen Zeit entwickelte Tektronix Oszilloskope, die Gigahertz-Frequenzen analysieren konnten – ein Schritt, der weit über den in den frühen 1960er Jahren üblichen 50 MHz hinausging. Die Produkte der Kunden wurden immer schneller. Deshalb musste Tektronix Geräte entwickeln, die den aktuellen Aufgaben gerecht wurden und gleichzeitig flexibel genug für zukünftige Anforderungen waren.

Am Neujahrstag 1964 eröffnete Tektronix UK in Harpenden, Hertfordshire, mit 27 Mitarbeitern und leitete mit zwei Aufträgen am ersten Tag die neue Ära ein: Einer von Hughes International in Glenrothes für einen 575 Transistor Curve Tracer [2] und einer von B.T.R. Limited in Taplow für ein Oszilloskop des Typs 545A [3] sowie ein CA-Plugin.

Messtechnik für die Mikroelektronik

Auf dem Höhepunkt des kalten Krieges weitete sich der Vietnamkrieg aus, und die Streitkräfte setzten zunehmend auf Elektronik und intelligente Waffen. Jetzt kam die Stunde für Tektronix. Das Unternehmen entwickelte den ersten tragbaren Spektrum-Analysator und das erste tragbare Oszilloskop mit Videobandbreite.

In den 1970er Jahre kam Elektronik in den Massenmarkt und war auf einmal für eine breite Schicht der Gesellschaft zugänglich. Es kamen die ersten E-Mails und Mobiltelefone. Aber auch Digitalkameras und Videospiele veränderten den Alltag. Mit dem Einzug der Mikroelektronik war auch mehr Messtechnik notwendig. Die technische Entwicklung der Halbleiter erlaubte Geräte, die wesentlich kleiner waren als noch Jahre zuvor.

Die Entwicklung der Elektronik blieb nicht stehen. In den 1980er Jahren wurde die Elektronik nicht nur kleiner und vielfältiger, sonder sie vernetzte sich erstmals. Am Ende des Jahrzehnts bis zum Fall der Berliner Mauer erleben wir eine Periode wirtschaftlicher und kultureller Offenheit.

Neue Märkte für Tektronix in Osteuropa

Die revolutionären Veränderungen der frühen 1990er Jahren veränderten die politischen Gegebenheiten vor allem in Europa. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs eröffneten sich nicht nur für Tektronix nur Märkte und vorher unerreichbare Partner. Beispielsweise mit der polnischen Firma Tespol. „Die Dinge in Polen änderten sich über Nacht, von der Regierung, die alles kontrollierte, hin zu Unternehmen, die sich selbst verwalten konnten“, erzählt Michal Ossowski von Tespol.

„Seitdem haben wir großes Wachstum erlebt und man kann sagen, dass Tespol und Tektronix den polnischen Test & Measurement-Markt begründet haben – denke ich an Tektronix, denke ich an Qualität.“

In Heerenveen setzte Gerrit DeVries seine Karriere fort, während das Unternehmen neue Produkte einführte und in neue Märkte expandierte. „Ich habe an einigen der ersten Prüfgeräte gearbeitet, die Mikroprozessoren in großem Umfang nutzten“, sagt Gerrit DeVries und denkt an die transformative Arbeit der späten 1980er Jahre zurück. „Es erfüllt mich mit Stolz, dass einige meiner Designlösungen noch heute im Einsatz sind.“

Nach 35 Jahren im technischen Bereich leitete Gerrit in den letzten Jahren seiner Tätigkeit im Unternehmen ein Service-Depot im Europäischen Logistikzentrum. „Als ich 1999 das Unternehmen verließ, konnte Tektronix seine europäischen Kunden auf dem gesamten Kontinent betreuen“, sagt Gerrit.

Das Oszilloskop als Allrounder in der Messtechnik

Das Oszilloskop gehört nach wie vor zu den zentralen Werkzeugen in der Messtechnik und damit in die Labore. Hier bietet Tektronix ganz verschiedene Modelle: Von alltäglichen Tischoszilloskopen bis hin zu Hochleistungsoszilloskopen, um Signale bis 70 GHz zu erfassen. Um Ingenieuren bei der Entwicklung fortschrittlicher neuer Lösungen zu helfen, hat Tektronix zudem neue Instrumenten- und Ausrüstungsreihen wie Analysatoren, Signalgeneratoren, Netzteile und Messgeräte entwickelt.

Ein Beispiel dafür ist das 2017 entwickelte MSO der Serie 5 mit acht FlexChannel-Eingängen, das dem Siemens-Entwicklungslabor in Erlangen bei der Entwicklung von Automatisierungstechnik und der Prüfung der Ein- und Ausschaltreihenfolge von Prozessorsystemen und Peripheriegeräten hilft. „Meine Kollegen sind beeindruckt, wie einfach es zu bedienen ist“, sagt Siemens-Elektronikentwickler Stefan Grönbeck. „Alles lässt sich ohne große Erklärungen finden und ist komfortabel zu bedienen.“

Messtechnik in kleinen Start-ups und Hochschulen

Tektronix ist ebenfalls dabei, die Zukunft der Distribution für eine weniger kohlenstoffintensive Zukunft zu verändern. Das in London ansässige Startup-Unternehmen Magway entwickelt ein System für die Zustellung von Paketen und Waren durch ein Netz unterirdischer Rohre in ganz Großbritannien, wobei man eine Reihe kleiner, auf Schienen fahrender Wagen nutzt. Für den Test setzen die Entwickler das 8-Kanal-Mixed-Signal-Oszilloskop MSO58 zusammen mit einer Software für die Analyse von 3-Phasen-Wechselrichtern, Motoren und Antrieben mit DQ0-und Strommessungen sowie Hochspannungs-Differenzialsonden ein.

„Unser Projektleiter und einige andere Ingenieure haben das Tektronix-Oszilloskop bei allen Motoren und Antrieben auf der Strecke eingesetzt, und es hat sich dabei als unglaublich nützliches Werkzeug erwiesen“, sagt Aanchal Mittal, ein Innovations-Ingenieur bei Magway. „Wir arbeiten gezielt mit den Laboren der Universitäten zusammen. Hier setzen wir auf die Neugier der Studenten und auf die High-End-Forschung und -Entwicklung“, sagt Maria Heriz, Vice President für Europa, den Nahen Osten, Afrika und Indien bei Tektronix.

Forschen am Mobilfunkstandard 6G

Derzeit erforscht Tektronix gemeinsam mit der Universität Wuppertal am künftigen Mobilfunkstandard 6G. Die Studenten der Universität Coventry stattet der Messtechnik-Anbieter mit Geräten für den Präsenz- und Fernunterricht in Elektrotechnik aus und rüstet die Universität Modena (Italien) mit Tektronix IsoVu-Tastköpfen aus, um Pegelübergänge bei Hochgeschwindigkeitsrechnern zu erforschen. „Nur mit Geräten von Tektronix konnten wir den Effekt von Signalen mit hoher Flankensteilheit auf die Isolierung erfassen“, sagt Professor Giovanni Franceschini von der Universität Modena.

Nik Tsanov, Entwicklungsbeauftragter für Elektronik an der Universität Coventry, sagt mit Blick auf die 53 hochmodernen Workstations zum Durchführen zahlreicher praktischer Elektronik- und Physikexperimente für Studenten im ersten und zweiten Studienjahr: „Ohne Zweifel hilft die Zusammenarbeit mit Tektronix bei der Ausstattung unserer Einrichtungen mit derart hochwertigen Geräten, das Angebot der Fakultät auf ein ganz neues Niveau zu heben.“

Hinter allen diesen Produkten steht ein umfangreiches Serviceangebot mit Kalibrierung, Asset Management und Reparaturen. „Ich bin stolz auf das Erbe von Tektronix für die gegenwärtige und zukünftige Technik“, sagt Maria Heriz, Vice President für kommerzielle Aktivitäten in der Region EMEAI bei Tektronix.

Die Geschichte von Tektronix – eine Zeitreise

- 1947: Das erste Tektronix-Oszilloskop 511 wird an die University of Oregon Medical School für ca. 800 US-Dollar verkauft.
- 1948: Der internationale Vertrieb beginnt in Schweden (an L.M. Ericsson Telephone Company).
- 1950er Jahre: Tektronix ermöglichte den ersten Videorekorder und die Einführung des Farbfernsehens und gewann sieben Emmy Awards für seine Beiträge zu Rundfunk und Fernsehen
- 1958: Eröffnung der ersten europäischen Produktionsstätte von Tektronix in Guernsey
- 1960er bis 1970er Jahre: Unterstützung der NASA bei der Apollo-Mondlandung, IBM bei der Entwicklung von Großrechnern und Mobilfunkunternehmen bei der Schaffung des Mobiltelefons
- 1962: Tektronix NV beginnt mit der Produktion im niederländischen Heerenveen
- 1964: Eröffnung von Tektronix UK
- 1970: Eröffnung von Tektronix Schweden
- 1971: Eröffnung von Tektronix SA in Belgien
- 1973: Tektronix beteiligt sich an Computer-zu-Computer-Kommunikationstests in Zusammenarbeit mit IBM und Universitätslaboratorien. Die ARPANET-Tests waren der Vorläufer des heutigen Internets.
- 1972: Eröffnung des Regionalzentrums Benelux
- 1978: Skandinavisches Operations Center, sowie Büros in Finnland und Norwegen, Eröffnung eines europäischen Marketingzentrums in Amstelveen, Niederlande, Eröffnung des spanischen Büros
- 1979: Tektronix S.P.A. eröffnet in Italien.
- 1981: Tektronix GmbH wird in Deutschland eröffnet.
- 1990er Jahre: Die Arbeit von Tektronix in den Bereichen Speicher und Energieversorgung ermöglicht immer kleinere und energieeffizientere Rechenzentren und Bausteine und trägt zur massiven Einführung der Mobilfunk-Technik bei.
- 2007: Danaher Corp. kauft Tektronix für rund 2,8 Mrd. US-Dollar.
- 2010: Tektronix erwirbt Keithley Instruments.
- 2016: Ausgliederung der Fortive Corp. aus Danaher und Zusammenführung von Industrie- und Test- und Measurement-Unternehmen unter dem Dach des Unternehmens in Everett, Washington.
- 2019: Veröffentlichung von TekDrive, der ersten Cloud-basierten Plattform, über die Ingenieure Daten direkt von ihrem Oszilloskop in der Cloud teilen und gemeinsam bearbeiten können.
- 2020: Tektronix hilft bei der Herstellung von Notfall-Beatmungsgeräten zu Beginn der COVID-19-Pandemie und initiiert eine Partnerschaft mit der deutschen Universität Wuppertal zur Erforschung und Entwicklung von 6G Wireless.

Referenzen

[1] Tektronix Guernsey Ltd.

[2] Transistor Curve Tracer 575 (externer Link).

[3] Oszilloskop 545A (externer Link).

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