7 Gründe für den Einsatz von Serious Games

| Autor / Redakteur: Dr. Wolfgang Karrlein* / Georgina Bott

Serious Games stellen ein wertvolles Mittel dar, um etliche Schmerzpunkte einer Organisation zumindest zu lindern.
Serious Games stellen ein wertvolles Mittel dar, um etliche Schmerzpunkte einer Organisation zumindest zu lindern. (Bild: gemeinfrei / Pexels)

Silodenken, Spannungen, fehlende Diskurse und ein unsicheres Umfeld – das sind die Herausforderungen, die Organisationen heute umtreiben und Führungskräfte beschäftigen. Können Business Simulationen, sogenannte Serious Games, hier Abhilfe schaffen?

Mittlerweile wird das Akronym VUCA als Beschreibung für die derzeitigen Herausforderungen von Organisationen verwendet. Diese operieren in einer volatilen und hochdynamischen Umwelt. Dadurch wächst ihre Unsicherheit bezüglich einer halbwegs prognostizierbaren Entwicklung als Basis für Entscheidungen und Planung, und das Umfeld wird als komplex empfunden. Denn lineare Ursache-Wirkungs-Ketten für die Prozesse in Unternehmen und in deren Märkten gibt es nicht.

Diese gab es auch schon früher nicht, nur wurde dies nicht so wahrgenommen, da die Geschwindigkeit der Veränderungen kleiner und damit die Auswirkungen von Entscheidungen überschaubarer waren. Für Entscheidungen gibt es kein „Richtig“ oder „Falsch“; man muss unter Unsicherheit entscheiden, um Orientierung zu geben und handlungsfähig zu bleiben. Zu jeder Sichtweise gibt es immer eine gegenteilige Sicht, die mindestens genauso plausibel ist. Aus dieser Widersprüchlichkeit können Orientierungslosigkeit und Kurzatmigkeit bei Entscheidungen erwachsen, die im schlimmsten Fall die Handlungsfähigkeit von Unternehmen paralysieren. Denn wer die Orientierung verloren hat, kann ebenso gut stehen bleiben, als irgendwohin zu gehen.

Ein ähnliches Dilemma entsteht durch den hohen Innovationsdruck. Design Thinking oder agile Prozesse sind Beispiele, um schneller zu adaptieren und um Kreativität für Innovationen freizusetzen. Gleichzeitig steht mit der Digitalisierung eine massive Formalisierung von Arbeitsprozessen ins Haus. Denn was in Algorithmen kodifiziert ist, ist formalisiert und verhindert sinnvolle Flexibilitäten. Aber genau diese Flexibilitäten können eine gute Quelle für Innovationen sein. Organisationen besitzen ein weiteres Dilemma: Eigentlich sind sie auf Routine, Beständigkeit, Stabilität und Reproduzierbarkeit angelegt. Das ist ihre Stärke. Innovationen und kreative Freiräume führen daher fast zwangsweise zu inneren Spannungen.

Unterschiedliche Ansichten erschweren die Zusammenarbeit

Vor diesem Hintergrund fallen bestimmte Eigenschaften von Organisationen besonders schmerzlich auf. So treten unterschiedliche Perspektiven der verschiedenen Abteilungen oder Bereiche deutlich hervor. Ein Vertrieb hat nun einmal eine andere Sichtweise als die Produktion oder die Entwicklung. Diese sogenannten lokalen Rationalitäten sind eine unvermeidliche Folge der Arbeitsteilung. Um sie abzumildern, braucht es eine diskursive Verständigung über diese Silos hinweg, um handlungsfähig zu bleiben.

Das Mittel, das jedes Unternehmen für den Umgang mit diesen Spannungen einsetzt, ist Führung: Mitarbeitende bekommen mehr Eigenverantwortung (Empowerment) und Abteilungen organisieren sich selbst (Autonomie). Daraus entstehen zusätzlich zu den lokalen Rationalitäten Fliehkräfte, die soweit gebändigt werden müssen, dass sich die Organisation als Struktur nicht verliert. Führung heißt entscheiden, um in solchen Situationen Orientierung für das Handeln zu geben.

Die Komplexität dieser Themen kann so gut wie keine Führungsperson alleine lösen. Es braucht eine Einbeziehung unterschiedlicher Perspektiven und Meinungen, um sogenanntes Orientierungswissen zu erarbeiten und basierend darauf zu entscheiden.

Serious Games unterstützen den Diskurs

Hierbei können Business-Simulationen (Serious Games) wirkungsvoll unterstützen. Sie lösen keines der Probleme per se, aber sie bieten auf Grund ihrer Mechanismen eine hochwirksame Plattform, damit die nötigen Diskurse geführt und unterschiedliche Perspektiven ausgetauscht werden, die Dilemmata und Zwänge, unter denen entschieden werden muss, deutlich werden, und die in jedem Unternehmen vorhandenen blinden Flecken und Tabus ansprechbar werden.

Damit kann man mögliche Szenarien vorausdenken. Vorausdenken bedeutet Probehandeln. Das gelingt den Simulationen für eine ganze Reihe von Schmerzpunkten in Organisationen. Nachfolgend die sieben wichtigsten Gründe für ihren Einsatz:

1. Silogrenzen aufweichen
Kommunikation zwischen Abteilungen horizontal und vertikal von „oben“ nach „unten“ und umgekehrt wird durch die interaktiven Settings und Diskurse in den Simulationen erleichtert und weniger riskant. Man spricht ja im Spiel erst mal nicht über die eigene Organisation und drängt so die Mikropolitik zurück. Man erhält aufgrund der Diskussionen und Entscheidungen unmittelbares Feedback.

2. Machtbeziehungen durchlässiger machen
Während des Serious Games treten die Akteure aus ihren eigentlichen Rollen und Funktionen heraus. Man ist bis zu einem gewissen Grad gleichrangig, die Funktion und Rollen(erwartungen) im Unternehmen besitzt geringe Bedeutung.

3. Vertrauen aufbauen
Da die Beteiligten nicht in ihren eigentlichen Funktionen und Rollen agieren, bieten Serious Games Raum für den Aufbau von Verständigung und Vertrauen über die im Spiel entstehenden sozialen Interaktionen.

4. Umgang mit komplexen Problemen erleichtern
Viele Themenstellungen in Organisationen gehören zu sogenannten schlecht definierbaren Problemen. Bei solchen sind die Start- und Zielzustände sowie die einzusetzenden Mittel unklar. Auch bestehen zwischen den Akteuren unterschiedliche Auffassungen über das Problem. Man muss aber dennoch entscheiden und handeln und kann nicht vorher alles durchdenken.

Daher ist es sinnvoll, verschiedenste Perspektiven in den Diskurs einzubringen, die es erlauben, das Thema aus recht divergierenden Blickwinkeln zu sehen und daraus eine Verständnisbasis für die nächsten Schritte zu entwickeln. Serious Games erleichtern den Eintritt in diesen Diskurs.

5. Einbeziehen und Beteiligen von Akteuren
Durch Interaktion, Spannung, Überraschung und die spielerischen Elemente ermöglichen Serious Games einen engagierten und fruchtbaren Austausch zwischen Spielern mit unterschiedlichsten Hintergründen.

6. Spannung zwischen Betrieb und Innovation vermindern
Die Akteure aus verschiedenen Bereichen werden in Simulationen – wie auch im echten Leben – mit bestimmten Regeln und Beschränkungen konfrontiert. Solche Beschränkungen wirken sich positiv auf die Kreativität bei der Lösungsfindung aus. Business Games erlauben es, unterschiedliche Optionen auszuprobieren, ohne das Unternehmen zu gefährden. Durch die zeitnahe Rückmeldung lassen sich im Diskurs Erkenntnisse gewinnen, die auf die eigentlichen Probleme übertragen werden können.

7. Theoretische Konzepte und Praxis verbinden
Oftmals wird neuen Konzepten, Technologien oder Prozessen vorgeworfen, dass sie sich in der Theorie zwar gut anhören, aber dass sie in der Realität und Praxis wohl kaum funktionieren. Umgekehrt stoßen manche in der Vergangenheit sinnvollen Abläufe heute an Grenzen. Es braucht frische Ideen, um etwas anders zu machen. In Serious Games können solche Aspekte spielerisch abgebildet und ausprobiert werden.

Beispiel für den Einsatz von Serious Games

Für ein großes Unternehmen mit komplexen Fertigungsschritten und vielschichtigen Abhängigkeiten von Kunden und Zulieferern, werden hohe und wachsende Bestandskosten zu einem Problem. Es gibt zahlreiche Abteilungen, die mit ihren Entscheidungen und ihren Handlungen dazu beitragen, dass diese gebundenen Werte steigen. Es gibt kaum jemanden, der einen Gesamtüberblick besitzt. Dabei sind die Prozesse und Entscheidungen in den einzelnen Bereichen für sich allein genommen durchaus sinnvoll.

In einer Serie von Serious Games, in denen es um Bestandsmanagement am Beispiel aus einer anderen Branche ging, werden bereichsübergreifende Teams mit einer Reihe von Problemen konfrontiert, für die sie Lösungen auswählen sollten. Es ging dabei nicht um richtige und falsche Lösungen, sondern vor allem um den Diskurs. Die Beteiligten erhielten während des Spiels Rückmeldung über die Auswirkungen ihrer Entscheidungen auf die verschiedenen Kennzahlen. Die Simulation wurde an bestimmten Stellen unterbrochen, um in Transferdiskussionen die Problemlage der Simulation auf die Gegebenheiten im realen Unternehmen zu übertragen.

Aus der Serie von Simulationen und vor allem dieser Transferworkshops entstand ein Überblick, an dem man ansetzen kann, um konkrete Verbesserungen zu erreichen.

Vorteile von Serious Games sind damit:

  • Die Ermöglichung von Austausch und Verständigungsprozess über verschiedene Abteilungen hinweg
  • Die Entstehung einer Landkarte und Priorisierung von bereichsübergreifenden Druckpunkten in der gemeinsamen Diskussion
  • Die Erkenntnisschaffung, welche Akteure zur weiteren Lösungsausarbeitung beteiligt werden sollten.

Dies bildete im Anschluss die Basis für die Diskussion und Ausarbeitung konkreter Ansätze, um an der Reduktion der hohen Bestandskosten zu arbeiten. Business Simulationen (Serious Games) stellen also ein wertvolles Mittel dar, um etliche Schmerzpunkte einer Organisation zumindest zu lindern.

Das Buch zum Thema:

* Dr. Wolfgang Karrlein ist Geschäftsführer der CANMAS GmbH.

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Dieser Beitrag ist zuerst auf unserem Partnerportal Marconomy erschienen.

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