„Schwarze Liste“: Setzt Infineon Chip-Lieferungen an Huawei aus?

| Autor: Sebastian Gerstl

Bild eines XMC4800-Entwicklungsboards von Infineon. Der deutsche Halbleiterhersteller hat nach Angaben der japanischen Wirtschaftszeitschrift Nikkei die Chiplieferungen an Huawei vorerst ausgesetzt. Vergangenen Donnerstag hatte das US-Handelsministerium den chinesischen Konzern auf eine schwarze Liste gesetzt.
Bild eines XMC4800-Entwicklungsboards von Infineon. Der deutsche Halbleiterhersteller hat nach Angaben der japanischen Wirtschaftszeitschrift Nikkei die Chiplieferungen an Huawei vorerst ausgesetzt. Vergangenen Donnerstag hatte das US-Handelsministerium den chinesischen Konzern auf eine schwarze Liste gesetzt. (Bild: Infineon)

Update: Zahlreiche Chip- und Elektronikanbieter haben ihre Lieferungen an Huawei eingestellt. Dazu zählen unter anderem Intel, Microsoft, Google, ARM, Qualcomm und laut der Wirtschaftszeitung Nikkei Asia Review auch Infineon. Auch zahlreiche japanische Firmen beugen sich dem „blacklisting“ durch das amerikanische Handelsministerium.

Am Donnerstag hat die Trump-Administration Huawei offiziell auf eine schwarze Liste gesetzt und sofort Einschränkungen erlassen, die es dem Technologieriesen extrem schwer machen werden, Geschäfte mit US-Unternehmen zu machen. Unternehmen, die gegen diese Einschränkungen verstoßen, laufen Gefahr, selbst auf diese Schwarze Liste gesetzt zu werden.

Wer mit Huawei handelt, dem drohen Sanktionen in den USA

Ausländische Unternehmen, die eine bestimmte Menge amerikanischer Technologie für Produkte verwenden, die an Huawei verkauft werden, unterliegen ebenfalls der gleichen Beschränkung, berichtete unter anderem die Nikkei Asian Review. Firmen, deren Produkte in einem Endgerät von Huawei verbaut werden, dürften daher große Schwierigkeiten bekommen, künftig Geschäfte auf dem US-Markt zu machen.

Huawei gilt derzeit als der weltweit größte Hersteller von Telekommunikationsgeräten und der zweitgrößte Smartphone-Macher. Infineon liefert unter anderem Mikrocontroller und Power-Management-Halbleiter an das chinesische Unternehmen. Wie die Nikkei meldet, erwirtschaftet Infineon mit den Chip-Verkäufen an Huawei etwa 100 Millionen Dollar oder weniger Umsatz im Jahr.

Der Halbleiterkonzern Infineon soll als Reaktion darauf Chip-Lieferungen an den Netzwerkausrüster Huawei vorerst ausgesetzt haben. Das berichtet die japanischen Wirtschaftszeitung „Nikkei“ unter Berufung auf zwei interne Quellen. Damit reagiere der deutsche Halbleiterhersteller als reine Vorsichtsmaßnahme auf eine Entscheidung der US-Handelsministeriums.

Nachtrag 20. Mai 2019, 14:00 Uhr: Ein Sprecher von Infineon dementierte gegenüber ELEKTRONIKPRAXIS die Meldung des Nikkei Asian Review. „In allen Märkten, in denen Infineon tätig ist, halten wir uns strikt an alle geltenden gesetzlichen Bestimmungen, Gesetze und Vorschriften. Gleichzeitig unternimmt Infineon alles Erforderliche, um die zuverlässige Erfüllung der Kundenanforderungen zu gewährleisten," sagte Gregor Rodehueser, Pressesprecher der Infineon AG, in einem Email-Statement. „Aktuell unterliegt die überwiegende Mehrheit der Produkte, die Infineon an Huawei liefert, nicht den gesetzlichen Beschränkungen der US-Exportkontrolle. Somit werden diese Lieferungen fortgesetzt."

Rodehueser fährt fort: „Mit umfassenden Mechanismen beobachten wir, wo sich in unseren jeweiligen Märkten rechtliche Rahmenbedingungen ändern könnten, sodass Anpassungen in unserer internationalen Lieferkette möglich sind. Dies ermöglicht es uns, im Bedarfsfall effizient und proaktiv gegenzusteuern, um unsere Lieferfähigkeit wo immer möglich dem Bedarf anzupassen.“

Auch Google setzt Geschäfte mit Huawei aus

Viel schwerwiegender für Huawei dürfte sich die Entscheidung des Google-Mutterkonzerns auswirken: Wie der Nachrichtendienst Reuter meldet, hat Alphabet Inc sämtliche Geschäfte hinsichtlich Hardware, Software und technischer Dienstleistungen mit Huawei ausgesetzt. Das betrifft insbesondere die Bereitstellung von Entwicklungskits für das Smartphone-Betriebssystem Android und Zugang zu angeschlossenen Services wie den Google Play Store.

„Huawei wird nur die öffentliche Version von Android nutzen können und keinen Zugang zu proprietären Apps und Diensten von Google erhalten“, zitiert Reuters eine interne Quelle des Google-Mutterkonzerns. Nähere Details zu den von der Aussetzung betroffenen spezifischen Diensten werden demnach bei Google noch intern diskutiert.

Zahlreiche Lieferanten schließen sich dem „blacklisting“ an

Auch die in den USA beheimateten Chiphersteller Qualcomm und Qorvo haben bereits ihre Lieferungen an den chinesischen Konzern eingestellt. Laut Nikkei Asian Review sollen außerdem die Speicherhersteller Western Digital und Micron ebenfalls planen, ihre Lieferungen auszusetzen. ST Microelectronics, ein weiterer wichtiger europäischer Chiphersteller, soll der japanischen Wirtschaftszeitung zufolge diese Woche noch darüber beraten, ob weiterhin Produkte an Huawei geliefert werden sollen. Nachtrag 23. Mai 2019, 09:00 Uhr: Mittlerweile haben noch weitere führende Elektronik-Unternehmen angekündigt, ihre Lieferungen an Huawei einzustellen. Dazu zählen unter anderem Microsoft, die Chiphersteller Intel, Broadcom und Microchip, Prozessorkernanbieter ARM und FPGA-Marktführer Xilinx. ARM gehört dem japanischen Elektronikkonzern Softbank, der ebenfalls für sich und seine Tochterunternehmen angekündigt hat, Lieferungen an Huawei zu stoppen.

Nachtrag 24. Mai 2019, 10:00 Uhr: Auch aus Japan haben diverse Firmen aus Furcht vor US-Sanktionen ihre Lieferungen an Huawei eingestellt. So stoppte der japanische Elektronik-Riese Panasonic am Donnerstag die Lieferungen einiger Bauteile an den Netzausrüster und Smartphone-Anbieter. Auch einige japanische Mobilfunktfirmen hätten sich der Entscheidung angeschlossen, berichtet heise.de. Eine Sprecherin des taiwanischen Chip-Fertigers TSMC sagte unterdessen der Financial Times, dass die Firma weiterhin Huawei beliefern werde.

Anwälte des Huawei-Konzerns befassen sich ebenfalls ausgiebig mit dem Urteil des US-Handelsministerium, meldete Reuters vergangenen Freitag. „Die Beschränkung von Huawei auf Geschäfte in den USA werden die USA nicht sicherer oder stärker machen; stattdessen wird dies nur dazu dienen, die USA auf unterlegene, aber teurere Alternativen zu beschränken, so dass die USA beim 5G-Einsatz zurückbleiben wird“ hieß es in einem Statement des chinesischen Unternehmens. Mit dem Blacklisting von Huawei verfügte das Handelsministerium der USA ebenfalls, das Huawei-Schaltanlagen von den US-Netzen ausgeschlossen werden sollen.

Ein offener Handelskrieg

Die Entscheidung des US-Handelsministeriums, Huawei auf eine Schwarze Liste zu setzen, hat zum Teil mit dem sich immer weiter zuspitzenden Handelsstreits mit China zu tun. Erst am 10. Mai 2019 hatte das US-Handelsministerium die Strafzölle auf Waren aus China abermals erhöht und die Zahl der betroffenen Produktkategorien erneut ausgeweitet. Wirtschaftsbeobachter sprechen von einem offenen Handelskrieg zwischen den beiden Nationen.

Ein ganz besonderes Augenmerk gilt dabei Huawei, einem der größten Konzerne Chinas: Der Elektronikanbieter ist weltweit aktiv uns insbesondere als billiger Anbieter von Telekommunikationslösungen bekannt, der sich unter anderem auch stark an dem Ausbau von 5G-Netzen beteiligt. Die USA, aber auch Polen haben Huawei inzwischen auch der industriellen Spionage bezichtigt; auch Großbritannien hat Maßnahmen erlassen, die die Beteiligung des chinesischen Konzerns am Ausbau des nationalen 5G-Netzes massiv einschränken sollen.

Halbleiterindustrie zeigt sich besorgt

Nachdem aufgrund der hohen Präsenz von Huawei-Bauteilen in der allgemeinen Netzwerk-Infrastruktur offenbar wurde, dass ein kurzfristiger genereller Bann für Huawei-Produkte große Teile des Mobilfunknetzes in den USA zum Erliegen bringen könnte, hatte das US-Handelsministerium innerhalb weniger Tage seine Regelung wieder etwas gelockert: Das Blacklisting von Huawei wurde vorerst für 90 Tage ausgesetzt.

Dennoch zeigen sich Vertreter der amerikanischen Halbleiterindustrie pessimistisch hinsichtlich der aktuellen Entwicklungen. „Wir sind besorgt über den jüngsten Rückschlag in den Verhandlungen zwischen den USA und China und die Eskalation der Spannungen auf beiden Seiten, hoffen aber weiterhin, dass ein für beide Seiten vorteilhaftes Abkommen noch in Reichweite ist", sagte John Neuffer, CEO der Semiconductor Industry Alliance (SIA), in einem Statement. „Zu viel steht auf dem Spiel, falls die beiden größten Volkswirtschaften der Welt keinen produktiven Weg nach vorne finden.

„Wir beobachten die Entwicklungen im Zusammenhang mit der Anordnung des Supply Chain Executive und den bevorstehenden Maßnahmen des Handelsministeriums zur Aufnahme von Huawei in die Entity List des Handels", fuhr Neuffer fort. „Wir erkennen an, dass die Widerstandsfähigkeit der Cybersicherheitsinfrastruktur unseres Landes für die nationale Sicherheit von entscheidender Bedeutung ist, und fordern die Regierung nachdrücklich auf, diese Maßnahmen in einer völlig transparenten Weise umzusetzen, die Beiträge der US-Industrie einbezieht und die Anliegen der nationalen Sicherheit der USA berücksichtigt, ohne die globale Technologieführerschaft und Wettbewerbsfähigkeit dieses Landes zu beeinträchtigen".

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