5G-Mythos #5: Wenn das Netzwerk steht, kommen die Nutzer von alleine

| Redakteur: Michael Eckstein

Bunte Vielfalt: 5G muss die Anforderungen ganz unterschiedlicher Unternehmens-Applikationen erfüllen.
Bunte Vielfalt: 5G muss die Anforderungen ganz unterschiedlicher Unternehmens-Applikationen erfüllen. (Bild: gemeinfrei / Pixabay)

Bislang geben Telcos und ihre Technologielieferanten bei der Entwicklung und Standardisierung des Mobilfunks die Marschroute vor. Das wird bei 5G nicht mehr ausreichen.

Im Gegensatz zu seinen Vorgängern ist 5G als erste Mobilfunkgeneration erdacht worden, die nicht nur primär den Verbrauchermarkt adressiert. Vielmehr soll die Technik die drahtlose Kommunikation und Datenübertragung für viele verschiedene Anwendungsfälle ermöglichen – insbesondere in der Industrie, im Verkehrswesen, in der Energieversorgung und anderen Bereichen. Diese verstärkt vertikale Ausrichtung bietet Akteuren im Markt viele Chancen für interessante Geschäftsmodelle. Gleichzeitig ist sie ein Grund dafür, dass die neue Technik im Vergleich zu ihren Vorgängern komplexer ist.

Verantwortlich für die Entwicklung des Standards sind dieselben Standardisierungsgremien und Regulierungseinrichtungen, die auch die bisherigen Mobilfunkstandards entwickelt beziehungsweise die Rahmenbedingungen dafür geschaffen haben. Das hat Vorteile – aber auch Nachteile. Der fünfte Teil unserer Serie zeigt auf, dass 5G sein versprochenes Potenzial nur erreichen kann, wenn auch Akteure aus den Zielgruppen möglichst frühzeitig in den Standardisierungsprozess einbezogen werden.

5G-Mythos #5: Wenn das Netzwerk steht, kommen die Nutzer von alleine

Die breite Aufstellung von 5G wirkt sich auf die Arbeit der Normungs- und Regulierungseinrichtungen aus. Viel stärker als bisher müssen diese mit den Akteuren in unterschiedlichsten Zielmärkten kooperieren und zielgerichtet Strategien für vertikale Unternehmensanwendungen entwickeln, ist Marktanalyst ABI Research überzeugt. Nur so können sie die unterschiedlichen Bedarfe erkennen und in den Standardisierungsprozess einfließen lassen. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass sich die prognostizierten, hohen Umsatzpotenziale auch tatsächlich heben lassen. Ein „Weiter wie bisher“, sprich die von älteren Generationen aus betrachtet mehr oder weniger lineare Entwicklung der Mobilfunktechnik, wird laut ABI nicht länger funktionieren.

Vielmehr müssten die Entwicklungen die absehbare Heterogenität von 5G-Implementierungen berücksichtigen, etwa öffentliche und private Netzwerke, das Nutzen lizenzierter und nicht lizenzierter Spektren oder das Aufteilen des Netzwerks in mehrere Slices, mit denen sich die Ressourcen bedarfsgerecht verschiedenen Applikationen zuteilen lassen.

Gremien müssen Kernfragen stellen und beantworten

Damit 5G letztlich wie geplant funktioniert, dass es also die Bedarfe möglichst vieler Branchen zufriedenstellend erfüllen kann, muss die Technik auf einer sehr flexiblen Architektur aufsetzen. Für deren Entwicklung sollten die Gremien Laut ABI Schlüsselfragen adressieren – und den Standardisierungsprozess mithilfe der Antworten abstimmen:

  • Lassen sich bestehende Standardisierungsrahmen, die ursprünglich für den Verbrauchermarkt konzipiert waren, auch auf vertikale Unternehmensapplikationen erweitern?
  • Müssen die verantwortlichen Standardisierungsgremien ihre Organisationsstrukturen und ihre Arbeitsweise ändern, um den neuen und dynamischen Anforderungen aus den sich schnell entwickelnden Unternehmensmärkten gerecht zu werden?
  • Werden diese Änderungen das Veröffentlichungstempo der Standard-Releases beeinflussen – also erhöhen?
  • Welche neuen Akteure mit Interesse an verschiedenen vertikalen Anwendungen sollten die bestehenden Standardisierungsgremien beeinflussen?
  • Wer wird Gewinner, wer Verlierer dieser Transformation sein?

Die Zusammenarbeit zwischen den wichtigsten Interessengruppen, einschließlich Technologieimporteuren, Regierungen und Standardisierungseinrichtungen von verschiedenen Branchen, muss laut ABI Research Teil des 5G-Governance-Modells sein. Der bislang von Mobil Service Providern und Technologielieferanten verwendete „Build it and they will come“-Ansatz werde nicht mehr länger funktionieren – zumindest nicht in Bereichen vertikaler Anwendungen. Stattdessen müsse die Entwicklung des 5G-Standards von den Anforderungen der Unternehmen getrieben werden – mit dem Endziel, die Netzwerkarchitektur flexibel und agil genug gestalten zu können, um aktuelle und zukünftige Anforderungen in verschiedenen Branchen adressieren zu können.

Professionelle Anwender suchen professionelle, sichere Lösungen

Höheres Download-Tempo und kürzere Reaktionszeiten bewegen möglicherweise Endanwender dazu, 5G-Angebote zu nutzen. Unternehmensanwender als angepeilte neue Zielgruppe werden sich davon hingegen kaum beeindrucken lassen. Dieses Publikum ist auf der Suche nach Technologien, die ihm helfen können, seine Geschäftsprozesse effektiv zu optimieren und seine Produktivität, Effizienz, Sicherheit und Zuverlässigkeit zu steigern. Sie suchen nach Netzwerken, die agil genug sind, um ihre aktuellen und zukünftigen Anforderungen dynamisch zu erfüllen, einfach genug, um sie in ihre bestehenden Legacy-Technologien zu integrieren, und zuverlässig genug, um einen deterministischen und konsistenten Betrieb zu gewährleisten.

Daher müssten die 5G-Standardisierungsgremien potenzielle Industriekunden als wesentliche Mitwirkende in ihre Prozesse integrieren und es ihnen ermöglichen, die Roadmap der 5G-Spezifikationen mitzubestimmen. Wenn die bislang bestimmenden MSPs und Technologieanbieter sich weiterhin auf antiquierte Konzepte zum Schutz ihrer aktuellen Interessen und Legacy-Geschäfte verlassen, warnt ABI, laufen sie Gefahr, die derzeit in vielen Branchen stattfindende Digitalisierungswelle zu verpassen und reine Konnektivitätsanbieter ohne neue Geschäftsmöglichkeiten zu bleiben.

5G-Mythos #1: Alles dreht sich um Giga-Tempo und ultrakurze Latenzzeiten

5G-Mythos #2: Das Endkundengeschäft reicht zum Finanzieren der 5G-Rollouts

5G-Mythos #3: Der neue Mobilfunk wird alle Kommunikations-Techniken ersetzen

5G-Mythos #4: Etablierte Telcos kontrollieren die Lieferkette des neuen Mobilfunks

Huawei will 5G-Lizenzen verkaufen

Huawei will 5G-Lizenzen verkaufen

16.09.19 - In Interviews mit der New York Times und dem Economist hat Huawei-Chef Ren Zhengfei eröffnet, dass man bereit sei, die 5G-Plattform an US-Unternehmen zu lizenzieren. Es ginge dabei auch um das Überleben von Huawei. lesen

5G zur besseren Standorterkennung nutzen

5G zur besseren Standorterkennung nutzen

16.07.19 - Bisherige Techniken zur Positionsbestimmung lassen sich mit neuen 5G-Ortungsdiensten zu einer robusten, zuverlässigen und vielseitigen Standortlokalisierung kombinieren. lesen

Der Fall Huawei und der 5G-Ausbau in Deutschland

Der Fall Huawei und der 5G-Ausbau in Deutschland

31.10.19 - Die Bundesregierung hat Huawei für den 5G-Ausbau in Deutschland zugelassen. Die Diskussion über Sabotage und Spionage aus dem Ausland, speziell aus China, verschleiert jedoch einen wichtigen Fakt: Die Technologie des chinesischen Konzerns ist bereits integraler Bestandteil des deutschen Mobilfunknetzes. lesen

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Schreiben Sie uns hier Ihre Meinung ...
(nicht registrierter User)

Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
Kommentar abschicken
copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de/ (ID: 46216827 / Nachrichten)