5G im Realitätscheck: IoT steht bei Providern nicht im Fokus

Redakteur: Michael Eckstein

Der kommende Mobilfunkstandard 5G ist ein heiß diskutiertes Thema – und eine große Wette auf die Zukunft. Wird die Industrie tatsächlich wie versprochen davon profitieren? ELEKTRONIKPRAXIS hat mit Unternehmensberater McKinsey über den Status Quo des 5G-Rollouts gesprochen – und warum IoT nicht im Fokus der Provider bei ihren 5G-Investitionen steht.

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Viele Versprechen: 5G soll den gesamten Mobilfunkmarkt umkrempeln und völlig neue Applikationen ermöglichen. Doch wie steht es eigentlich mit der Verfügbarkeit der Technik?
Viele Versprechen: 5G soll den gesamten Mobilfunkmarkt umkrempeln und völlig neue Applikationen ermöglichen. Doch wie steht es eigentlich mit der Verfügbarkeit der Technik?
(Bild: Clipdealer)

Kaum ein Tag, an dem nicht von 5G-Akteuren und in den Fach- und Publikumsmedien die Vorteile der neuen 5G-Technologie beschworen werden: sehr hohe Datenraten, extrem geringe Latenzzeiten, Network Slicing und die Fähigkeit, sehr viele Verbindungen gleichzeitig zu übertragen. Doch wie sieht die Realität neben Marketing und medialer Berichterstattung aus? Wie aktiv besetzen die großen Telekommunikations-Unternehmen das Thema? Und was bedeutet dies für professionelle Anwender in der Industrie? Die Unternehmensberatung McKinsey hat in einer aktuellen Studie weltweit 46 Chief Technology Officer (CTO) der großen Telekommunikations-Anbieter zu ihrer 5G Strategie, den Herausforderungen und zu den Gründen für ihren 5G-Rollout befragt. ELEKTRONIKPRAXIS hat mit Ferry Grijpink, Senior Partner bei McKinsey in Amsterdam, über die Ergebnisse gesprochen. Grijpink berät Telekommunikations-Unternehmen bei strategischen Fragen, im Marketing und im Betrieb.

Hat das Wettrennen um neue Geschäftsmodelle begonnen oder gehen die Akteure noch eher verhalten mit dem neuen Standard um?

Das Vertrauen in die Technologie ist hoch. Weniger klar ist, ob und wie schnell sie neue Produkte und Dienstleistungen beflügeln kann, für die die Kunden bereit sind, zu bezahlen. Wir gehen aktuell davon aus, dass der Rollout der 5G-Technologie bis 2022 dauern wird und auch der Kapitalaufwand steigen wird – doch so dramatisch, wie Skeptiker befürchten, wird es nicht werden.

Auch dann nicht, wenn zum Beispiel in Deutschland ein Rollout bis in den letzten Winkel der Republik erfolgen soll? Das wird ja von unterschiedlichen Akteuren immer wieder gefordert.

Die Einführungskosten hängen stark von der verwendeten Frequenz ab. Mit einem niedrigen Frequenzspektrum von etwa 700 Megahertz ist die Abdeckung einer großen Fläche mit wenigen Mobilfunkmasten möglich. So kann schnell ein hoher Rollout-Anteil erreicht werden. Bei höheren Frequenzen und bei Millimeterwellen ist dies praktisch unmöglich. Für viele Anwendungen ist die 5G-Fähigkeit mit niedriger Latenz und hoher Kapazität derzeit nicht erforderlich. Die meisten Betreiber wollen sich zunächst auf den vorherrschenden Bedarf in Städten und Industriegebieten konzentrieren. Im Laufe der Zeit können zudem mehr der bestehenden Assets, beispielsweise die unteren Endfrequenzen, die jetzt für 2G verwendet werden, in Richtung 5G verschoben werden.

Mit Blick auf den Rollout im Jahr 2022, in welchen Stadien befinden sich die Telekommunikations-Unternehmen aktuell?

Die Betreiber haben einen höchst unterschiedlichen Entwicklungsstand in Sachen 5G und befinden sich daher auch in verschiedenen Phasen der Umsetzung. Während nur rund 30 Prozent der Betreiber planen, 5G im Jahr 2020 in großem Umfang einzuführen, ist etwa die Hälfte bereits an 5G-Pilotprojekten beteiligt oder hat diese abgeschlossen, beispielsweise in Zusammenarbeit mit einem oder mehreren Technologieanbietern. Hinzu kommt, dass die Technologie in den meisten Fällen zwar schon vergleichsweise weit entwickelt ist, die Geschäftsmodelle dazu jedoch zurückbleiben. Der Knackpunkt ist die Umsetzung. Besonders in Europa sind die Unternehmen zurückhaltend.

Wieso liegt gerade der europäische Markt bei der Umsetzung hinter den USA oder China zurück?

Das hat verschiedene Gründe. Zum einen hat Europa seit 2008 ein langsameres Wirtschaftswachstum als die USA und China. Außerdem sind die Märkte kleiner und fragmentierter, was die Möglichkeiten schneller Renditen bei großen Investitionen behindert. Relativ niedrige Preise für den Festnetz-Zugang spielen ebenfalls eine Rolle. So sehen lediglich elf Prozent der befragten Unternehmen die Umsetzung bis 2020, während schon mehr als die Hälfte der nordamerikanischen Unternehmen planen, bis dahin ihre 5G-Strategie umgesetzt zu haben. Dazu kommt die komplexe Regulierungspraxis in Europa. Die Gestaltung von Frequenzauktionen und Rollout-Verpflichtungen steht oft im Vordergrund, ebenso wie Regelungen, die neue Geschäftsmodelle beeinflussen, zum Beispiel in Bezug auf Datenschutz und Sicherheit.

Welche Strategien stehen aktuell im Fokus der Unternehmen? Lassen sich besondere Ansätze spezifizieren?

Obwohl viele Betreiber in IoT-Plattformen die 5G-Priorität sehen, zeigt unsere Umfrage deutlich, dass in erster Linie die Netzwerkführerschaft gesichert werden soll. Daneben zählen das Kundenerlebnis und die Kapazitätserweiterung zu den Top 3 Prioritäten der Branche. Im Wesentlichen geht es bei den Strategien um mehr und schnellere Konnektivität – mit dem Ziel der Monetarisierung der Netze. Hier können beispielsweise durch sogenannte 5G-Netzscheiben gebündelte Leistungspakete angeboten werden, die mehrere Anwendungen zur gleichen Zeit ermöglichen. Durch isolierte Frequenzbänder ist es so möglich, gleichzeitig zu telefonieren und zu navigieren.

Wenn die Netzwerkführerschaft zu den wichtigsten Prioritäten gehört, wie sehen die Roaming-Aktivitäten der Branche aus?

Dafür werden die Unternehmen vermehrt auf Network Sharing setzen, um Kosten zu senken. Das gilt insbesondere in Gebieten mit hohen Rollout-Kosten, etwa auf dem Land. Ein weiterer Hebel für den Ausgleich von Investitionen sind neutrale Hosts von Drittanbietern, die über eine eigene oder gemeinsame 5G-Infrastruktur verfügen und diese in bestimmten Regionen oder Gebäuden für sie betreiben werden.

Ist es nicht überraschend, dass der Investitionsfokus der Unternehmen nicht auf dem IoT liegt, wo 5G doch als Schlüsseltechnologie für den Aufbau des Maschinennetzes gepriesen wird?

Allgemein zeichnet sich ein Bild von 5G als eine leistungsstarke Technologie, die nur darauf wartet, für innovative neue Anwendungsfälle genutzt zu werden. Viele Länder glauben, dass sie das Potenzial hat, die ganze Wirtschaft voranzubringen. Doch dabei liegt der Fokus nicht auf IoT, da nur 20 bis 30 Prozent der IoT-Anwendungen 5G benötigen und der Rest über 4G-Netze läuft. Auch in unserer Umfrage haben wir überraschend festgestellt, dass die Investitionen in Betriebsunterstützungssysteme oder Business Support Systeme eher gering ausfallen, über die beispielsweise die Bereitstellung vernetzter Fahrzeuge ermöglicht und vermarktet wird. Unsere Erfahrung zeigt, dass viele Betreiber diese Herausforderung unterschätzen, wenn sie 5G für neue Geschäftsmodelle nutzen wollen.

Heißt das, dass industrielle IoT-Anwendungen erst einmal nicht oder nur unzureichend unterstützt werden? Hier geht ja meist weniger um prestigeträchtige hohe Datenraten, als um kurze Latenzzeiten und sichere Datenübertragungen.

Die meisten IoT-Anwendungen benötigen Konnektivitätsfunktionen, die derzeit schon in 4G verfügbar sind. Zum jetzigen Zeitpunkt geht es daher mehr darum, wie man die Nutzungsszenarien verfügbar, monetarisierbar macht und sie am Ende abrechnet. Aktuell konzentrieren sich die Investitionen der Unternehmen auf Pilotstrategien und das Enhanced Mobile Broadband, das hohe und schnelle Datenraten und Dienste mit hohen Bandbreitenanforderungen unterstützt. Doch auch diese Potentiale bringen Herausforderungen mit sich. Wenn das Kernnetz ausgebaut oder Millimeterwellen zum Frequenzportfolio hinzugefügt werden, können Netzausfälle auftreten, die sich auf die Netzwerkarchitektur auswirken.

Aus anfänglicher Innovationsführerschaft muss nicht immer zwangsläufig eine langfristige Marktführerschaft entstehen. Ist 5G ein Thema, bei dem es sich vielleicht sogar lohnt, abzuwarten, was andere Länder damit anstellen?

Solange es an bahnbrechenden Innovationen fehlt, ist ein zögerlicher Rollout keine schlechte Strategie. Ähnlich wie beim Rollout von 3G kommt die Profitabilität und Monetarisierung erst mit den Anwendungsfeldern – im damaligen Fall mit den ersten iPhones. Wir erwarten einen ähnlichen Verlauf bei der Einführung von 5G. Demnach ist der Zug für Europa noch nicht abgefahren, auch wenn die europäischen Telekommunikations-Unternehmen beim Rollout ein bis zwei Jahre zurückliegen. Eine hochmoderne Infrastruktur aufzubauen und an neuen Geschäftsmodellen zu tüfteln, sollte aber auch in Europa Priorität haben.

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