35% mehr Insolvenzen: Ab Herbst droht Pleitewelle

Redakteur: Michael Eckstein

Kreditversicherer Euler Hermes erwartet ab spätestens Herbst eine weltweite Pleitewelle. In zwei von drei Ländern nehme das Firmensterben bereits massiv zu. Andere werden zeitversetzt 2021 betroffen sein. Als Exportnation ist Deutschland stark von der internationalen Entwicklung abhängig.

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Leere Taschen: Bereits ohne Coronakrise drohte in diesem Jahr vielen Unternehmen die Zahlungsunfähigkeit. Die Pandemie wird die Situation drastisch verschärfen, erwartet Euler Hermes.
Leere Taschen: Bereits ohne Coronakrise drohte in diesem Jahr vielen Unternehmen die Zahlungsunfähigkeit. Die Pandemie wird die Situation drastisch verschärfen, erwartet Euler Hermes.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Während sich die USA aktuell im Epizentrum der Insolvenzwelle befinden, herrscht in einigen anderen Ländern noch die Ruhe vor dem Sturm – so auch in Deutschland. Allerdings dürfte spätestens ab dem Herbst überall auf der Welt die Pleitewelle einsetzen, die sich dann über das gesamte erste Halbjahr 2021 fortsetzt. Zu diesem Ergebnis kommt der weltweit führende Kreditversicherer Euler Hermes in seiner aktuellen Studie.

Die Euler Hermes Experten erwarten aktuell für die beiden Jahre 2020 und 2021 einen kumulierten Anstieg der weltweiten Insolvenzen um insgesamt 35% [1] auf einen neuen Negativrekord (17% im Jahr 2020, 16% im Jahr 2021). Die Entwicklung ist allerdings sehr heterogen: In zwei von drei Ländern zeigt sich bereits jetzt ein massiver Anstieg der Pleiten, im anderen Drittel wiederum findet der stärkste Anstieg zeitversetzt erst 2021 statt.

Tickende Zeitbombe statt Entwarnung: Ab Herbst geht die Insolvenzwelle überall los

„Das ist aber längst keine Entwarnung, sondern vielmehr eine tickende Zeitbombe“, sagt Ron van het Hof, CEO von Euler Hermes in Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Spätestens im dritten Quartal des Jahres wird diese Zeitbombe hochgehen und die Schockwellen dürften sich ins gesamte erste Halbjahr 2021 ausbreiten.“

Eine Entspannung zeichnet sich 2021 mit einem weiteren Zuwachs der weltweiten Insolvenzen also keinesfalls ab. „Vergleicht man die Prognosen von 2021 mit den Fallzahlen von 2019, ergibt dies in den beiden Jahren einen kumulierten Zuwachs der globalen Pleiten um mehr als ein Drittel (+35%) auf einen neuen Negativrekord“, sagt Maxime Lemerle, Chef der Insolvenz- und Branchenanalysen bei der Euler Hermes Gruppe. „Wenn die jeweiligen staatlichen Unterstützungsmaßnahmen zu früh beendet werden, dürfte der Anstieg sogar noch um 5 bis 10 Prozentpunkte höher ausfallen.“

Exportnation Deutschland stark von internationaler Entwicklung abhängig

Keine guten Nachrichten für die Exportnation Deutschland: Hier wirken sich negative Entwicklungen in den Exportmärkten meist stärker aus als in anderen Staaten.

In Deutschland hat die Corona-Krise die Ausfuhren der deutschen Elektroindustrie auch im Mai um etwa ein Fünftel schrumpfen lassen. Die Exporte sanken im Vergleich zum Vorjahresmonat um 21,2% auf 13,5 Mrd. Euro – ein ähnlicher Rückgang wie bereits im April, berichtet Andreas Gontermann, Chefvolkswirt des Branchenverbandes ZVEI. Insgesamt verringerten sich die Ausführen seit Jahresanfang um 9,2% auf 80,9 Mrd. Euro.

Die Exporte ins europäische Ausland sanken im Mai gegenüber dem Vorjahresmonat um 20,8% auf 8,3 Mrd. Euro. Besonders deutlich waren die Rückgänge nach Frankreich (minus 28,4%), Spanien (minus 27,3%) und Großbritannien (minus 23,0%). Nach China gingen 1,3% weniger Elektroexporte. „Dabei hatten sich die Lieferungen in das Reich der Mitte im April bereits wieder um knapp 18% erholt“, sagt Gontermann. Die Elektrolieferungen in die USA, Nummer zwei in der Rangliste der Abnehmer, brachen im Mai um 38,0% auf 1,1 Mrd. Euro ein. In den ersten fünf Monaten belief sich der Exportrückgang in die Vereinigten Staaten auf 10,9% verglichen mit dem Vorjahreszeitraum.

Auch der Stahlindustrie setzt Corona zu: Im Juni lag die Rohstahlerzeugung mit 2,6 Mio. Tonnen um 27% unter dem Vorjahresniveau, teilte die Wirtschaftsvereinigung Stahl am Montag mit. Damit setzte sich die schlechte Entwicklung in den Monaten April und Mai fort. Insgesamt blieb die Stahlproduktion im zweiten Quartal um 26% hinter dem Vorjahr zurück.

Deutschland mit blauem Auge: Andere Länder trifft es wesentlich härter

Trotzdem kommt Deutschland im Vergleich voraussichtlich besser durch die Krise als viele andere Staaten. „Deutschland könnte im Vergleich zu vielen anderen Ländern mit einem blauen Auge davonkommen“, sagt Van het Hof. „Gründe dafür sind neben der besseren Ausgangssituation und dem kürzeren, weniger strikten Lockdown vor allem die schnellen und sehr umfangreichen Sofortmaßnahmen der Regierung. Insbesondere der gemeinsame Schutzschirm von Bund und Kreditversicherern für deutsche Unternehmen hat den Handel erst einmal stabilisiert und Lieferketten zusätzlich geschützt.“

Insgesamt dürften die Pleiten hierzulande im Zuge der Covid-19-Pandemie in den zwei Jahren bis 2021 um insgesamt 12% auf dann etwa 21.000 Fälle ansteigen. Der Löwenanteil dürfte mit +8% auf 2021 entfallen. 2020 erwartet der führende Kreditversicherer einen Zuwachs der Fallzahlen um +4% auf rund 19.500 Fälle.

Damit gehört Deutschland wie auch Großbritannien, Frankreich, Belgien, Schweiz oder Indien zu dem Drittel der Länder, die die Negativeffekte zeitverzögert erreicht. Neben den staatlichen Sofortmaßnahmen ist einer der Hauptgründe dafür die temporäre Aussetzung der Insolvenzantragspflicht in Deutschland bis zum Herbst.

Pleite-Prognose: Der prozentuale Anstieg für 2020, 2021 sowie die kumulierte Zweijahresentwicklung 2020/2021.
Pleite-Prognose: Der prozentuale Anstieg für 2020, 2021 sowie die kumulierte Zweijahresentwicklung 2020/2021.
(Bild: Euler Hermes)

Deutschland: Häufung von Großinsolvenzen in Schlüsselbranchen im 1. Halbjahr 2020

„Unternehmen in Schieflage müssen dies aktuell erst im Herbst bei einem Insolvenzgericht anzeigen“, sagt Van het Hof. „Deshalb sehen wir aktuell noch relativ wenige Fälle in Deutschland. Aber der Schein trügt und im Herbst schlägt für viele die Stunde der Wahrheit. Auch wenn aufgrund der temporär ausgesetzten Antragspflicht zuletzt nur wenige Insolvenzen angemeldet wurden, darf auch das nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir im ersten Halbjahr 2020 trotzdem bereits eine Häufung von Großinsolvenzen sehen – insbesondere in Schlüsselbranchen wie der Automobil- und Metallindustrie.“

Neue Geschäftsmodelle gefragt – aber Schuldenberge und Finanzierung zum Teil schwierig

Hinzu kommen große Herausforderungen für die Unternehmen bezüglich der sich – nicht zuletzt durch Covid-19 – drastisch verändernden Geschäftsmodelle. So sei zum Beispiel kein Unternehmen darauf ausgerichtet, plötzlich nur noch die Hälfte der Kunden zu bedienen. Viele Unternehmen müssten ihr Geschäftsmodell daher grundlegend überdenken und adaptieren.

„Das müssen sie erst einmal finanzieren, dazu brauchen sie Margen und eine Lösung für die Restrukturierungen ihrer Schuldenberge, die durch Covid-19 bei vielen Unternehmen stark gewachsen sind.“ Zusammen mit der digitalen Transformation seien das viele Variablen, die über die weitere Entwicklung auch nach 2021 entscheiden werden.

USA mit stärkstem Anstieg 2020, Brasilien, Portugal, Niederlande und China mit Pleitewelle

Viele Unternehmen in anderen Ländern wird es früher und härter treffen, sind die Euler-Auguren überzeugt: Die USA (+47% Anstieg der Insolvenzen 2020) führen demnach das Negativranking der Länder an, die bereits 2020 unter einem massiven Anstieg der Insolvenzen leiden.

Sie teilen ihr Schicksal mit zwei von drei Ländern weltweit. Darunter befinden sich neben Brasilien (+32% im Jahr 2020) und China (+21%) auch viele europäische Staaten wie Portugal (+30%), die Niederlande (+29%), Spanien (+20%) oder Italien (+18%).

[1] Fallzahlen Prognose 2021 vs. Fallzahlen 2019: Bei einem Anstieg bis 2021 ist der kumulierte Anstieg in beiden Jahren 2020 und 2021 gemeint. Mit dieser Zweijahresentwicklung lassen sich die einzelnen Länder mit teilweise sehr heterogenen Insolvenzentwicklungen in der Covid 19-Pandemie besser vergleichen.

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