35 Jahre GNU-Projekt: Ein Fanal für freie Software

| Autor: Sebastian Gerstl

Das GNU-Projekt sollte den Grundstein legen für Software, deren Quellcode frei einsehbar sein soll sowie - unter bestimmten Bedingungen - verändert und für andere Projekte genutzt werden kann. Was vor 35 Jahren revolutionär war, ist heute weitgehend etabliert - auch in einer Industrie, die sich einst massiv gegen den Gedanken freier Software wehrte.
Das GNU-Projekt sollte den Grundstein legen für Software, deren Quellcode frei einsehbar sein soll sowie - unter bestimmten Bedingungen - verändert und für andere Projekte genutzt werden kann. Was vor 35 Jahren revolutionär war, ist heute weitgehend etabliert - auch in einer Industrie, die sich einst massiv gegen den Gedanken freier Software wehrte. (Bild: Official gnu / Victor Siame / CC BY-SA 2.0)

„Free Unix!“: Mit diesem Aufruf rief der Hacker und Programmierer Richard Stallman am 27. 09. 1983 zur Entwicklung eines quelloffenen Betriebssystems auf. OS, Kernel, Compiler – der Quellcode der gesamten Software sollte offen einsehbar sein – und vor allem: frei!

„Dieses Thanksgiving werde ich damit anfangen, ein komplett UNIX-kompatibles Softwaresystem zu schreiben, genannt GNU (für GNU's Not UNIX), und ich werde es allen, die es benutzen können, kostenlos geben. Unterstützung durch Zeit, Geld, Programme und Ausrüstungen wird dringend benötigt.“ Mit diesen Worten rief Richard Stallman in der Usenet-Gruppe net.unix-wizards am 27. September 1983 das GNU-Projekt ins Leben. Überschrieben war dieser Post mit dem Aufruf „Free Unix!“ – was sich sowohl als „Freies Unix!“ als auch als „Befreit Unix!“ übersetzen lässt.

Denn dem erfahrenen Hacker und Entwickler Stallman, der zu diesem Zeitpunkt am KI-Labor des Massachusetts Institute of Technology (MIT) angestellt war, ging es in der Tat um eine Befreiung des zu diesem Zeitpunkt noch weit verbreiteten Betriebssystems. Für ihn war es eine goldene Regel, dass Software komplett frei sein und von allen geteilt werden sollte. „Ich kann nicht guten Gewissens eine Vertraulichkeitsvereinbarung oder eine Softwarelizenzvereinbarung unterschreiben“, gab Stallman als einen der Gründe an, warum er sich der Entwicklung von GNU verschreibt.

Die Anfänge des kommerziellen Softwarezeitalters

In den späten 70er und frühen 80er Jahren hatte sich die Computer- und Softwarelandschaft rasant verändert. Anfang und Mitte der 70er Jahre waren Rechner die beispielsweise die PDP10 von DEC große Rechenanlagen, die sich in der Regel nur Forschungseinrichtungen oder einige Hochschulen leisten konnten. Ein dedizierter und spezialisierter Softwaremarkt, wie wir ihn heute kennen, existierte in jeden Tagen allenfalls rudimentär. Da der Anwendermarkt auch noch überschaubar klein war, war der entsprechende Software-Quellcode in der Regel auch nicht geschützt; jeder, der etwas von den Rechnern verstand, war damit prinzipiell in der Lage, auch in den Quellcode zu spähen. Dieser ließ sich dann auch leicht kopieren – oder nach eigenen Bedürfnissen anpassen. Das war auch nötig: So beschrieb Stamman häufig, dass es in seiner Zeit am MIT häufig notwendig war, sich für die Bedürfnisse der Nutzer an der Hochschule Programme oder Druckertreiber noch selbst, meist mit Assemblercode, zusammenzu"hacken".

Ab Mitte der 70er Jahre begann sich der Computermarkt aber rasant zu verändern. Das Aufkommen erster Heimcomputer sorgte für eine rasante Zunahme an potentiellen Anwendern. Das Gründen von Softwarefirmen wurde dadurch auch kommerziell attraktiver. Eine freie, kostenlose Verbreitung von Software stand einem solchen Geschäftsmodell allerdings zuwider. Schon 1976 warnte der junge Gründer einer Softwareschmiede in einem offenen Brief an Computerhobbyisten, dass das wildläufige Kopieren von Software dem noch jungen Heimcomputermarkt schaden würde. Denn wenn professionelle Entwickler nicht für ihre Arbeit bezahlt würden, würde sich die Entwicklung sauberer Programme von guter Qualität nicht lohnen. Der Autor des Briefes war ein junger Bill Gates, Mitgründer der Firma Micro-Soft (damals noch mit Bindestrich).

Mit der Heimcomputerrevolution 1977 begann der Computermarkt allerdings regelrecht zu explodieren. Rechner zogen nun auch in Bereiche ein, in denen Anwender nicht in Assemblerprogrammierung geschult sein mussten, um einen Computer auch einsetzen zu können – vorausgesetzt, es existierten leicht bedienbare Betriebssysteme und Programme. Professionelle Softwareentwicklung begann, sich mehr und mehr zu lohnen. Gleichzeitig begannen immer mehr Hersteller, den Quellcode ihrer Software geheim zu halten – einerseits um Industriespionage zu bverhindern, andererseits, um ihre Geschäftsmodelle vor der ungezügelten Verbreitung von Kopien zu schützen.

Ein Zeichen gegen die Abschottung von Softwarecode

Stallman, ein Anhänger der noch jungen „Hacker"szene, sah sich Anfang der 1980er Jahre zunehmend mit den Schwierigkeiten proprietärer, nicht einsehbarer Software konfrontiert: nach seiner eigenen Erinnerung war es ihm auf älteren Rechnern noch leicht möglich, neue Funktionen, die eine Software nicht besaß, selbst hinzufügen. Kam jemand mit seinem Code nicht weiter, wurde ihm von seinem Tischnachbarn geholfen. Die "Hacker" am MIT waren eine eingeschworene Gemeinschaft, die naturgemäß neugierig in jeden Quellcode blickten, den sie sehen konnten, und das Wissen miteinander tauschten, um so zu lernen und sich gegenseitig zu verbessern.

Die neuen Softwarelizenzen erschwerten diese Kultur, drohten sie sogar, komplett zunichte zu machen. „Die modernen Rechner dieser Ära, wie der VAX oder der 68020, hatten eigene Betriebssysteme, aber keines war freie Software," wird Stallman im Buch "Open Source" zitiert. . „Man musste sogar eine Vertraulichkeitsvereinbarung unterzeichnen, nur um eine ausführbare Kopie zu erhalten. Das bedeutete, dass der erste Schritt zur Benutzung eines Rechners darin bestand zu versprechen, seinen Nächsten nicht zu helfen."

GNU GPL – Eine Lizenz zum Schutz der Freiheit

Das 1969 an den Bell Labs entwickelte OS UNIX war Anfang der 80er Jahre eines der am weitesten verbreiteten Betriebssysteme, speziell an Hochschulen. Doch auch hier hatte der neue Inhaber der IP, AT&T, ab 1981 bereits damit begonnen, diese durch Lizenzen zu schützen und zu kommerzialisieren. Um sicherzustellen, dass auch in Zukunft noch ein Betriebssystem existieren würde, dass frei zugänglich und ebenso frei erweiterbar war, rief Stallman daher das GNU-Projekt ins Leben: GNU ist nicht Unix, sollte aber alles können, was auch UNIX kann - nur eben mit komplett freier Software. Der Plan war, dass GNU komplett kompatibel zu UNIX sein sollte. Dass GNU-Projekt besteht immer noch – auch wenn es sich seit 35 Jahren in dauerhafter Entwicklung befindet. Das derzeitige Herzstück, der Kernel GNU Hurd, befindet sich etwa seit 2016 noch in der beta-Version 0.9.

Allerdings konnte die für dieses Projekt geschriebene Software nicht komplett unlizensiert sein. Denn Code, der in der Public Domain ist, kann von prinzipiell jedem genommen, leicht verändert und dann wieder geschützt werden - die Freiheit wäre wieder dahin. Um zu verhindern, dass freie Software kommerzialisiert werden kann, wurde Quellcode für Programme im GNU-Projekt mit Lizenzen versehen, die auch zukünftig die Freiheit der Software garantieren sollten. 1989 vereinheitlichte Stallman diese Lizenzen in einer einheitlichen Form: Der GNU General Public License, besser bekannt als GNU GPL. Diese Lizenz sollte den Markt aufrühren.

„Freie Software“ vs „Open Source“

Nun bedeutet GNU GPL nicht automatisch Open Source. Tatsächlich ist Stallman selbst kein Fan des Begriffs Open Source, da es seiner Philosophie von wirklich „freier Software" widerspräche. Auf den Seiten der Free Software Foundation und des GNU-Betriebssystems erklärt Stallman in einem längeren Aufsatz aus seiner Sicht, warum „Open Source“ das Ziel Freie Software verfehlt.

Geht es nach dem GNU-Projekt, ist wirklich freie Software ein politisches Statement, eine soziale Bewegung. Diese stemmt sich gegen proprietäre Systeme, die andere Nutzer ausschließen und die möglicherweise Freiheiten und Anpassbarkeiten nicht nur erschweren, sondern unmöglich machen - und dadurch Entwicklung und Entfaltung hemmen. Freie Software nach der GNU GPL soll daher auch von Grund auf immer frei sein und bleiben.

Open-Source sei dagegen „nur" ein Entwicklungsmodell. Der Grundgedanke der 1998 ins Leben gerufenen Open Source Initiative (OSI) scheint auf dem ersten Blick derselbe zu sein, wie ihn auch die Freie Software wünscht: Der Quellcode (Source Code) von Software darf kein Betriebsgeheimnis sein, sondern wird allen Interessierten offen bereitgestellt. Dann können andere den Code verbessern und ergänzen, müssen ihn aber wieder für die Community bereitstellen.

Laut dem GNU-Projekt würde sämtliche Software unter GNU GPL auch die Voraussetzungen erfüllen, die auch Open-Source-Software stützt. Bestimmte Open-Source-Lizenzen können aber die Verwendung oder Veränderbarkeit der ihnen zu Grund liegendem Software für Endverbraucher durchaus einschränken. So können bestimmte Open-Source-Lizenzen etwa Treibersignaturen verwenden, die das Ausführen von Software unter dieser Lizenz nur auf bestimmten freigegebenen Systemen ermöglichen - ein Grundgedanke, der dem Prinzip der von Stallman angestrebten „Freiheit" widerspricht.

FOSS– Free and Open Source Software

Mittlerweile existieren unzählige verschiedene Lizenzmodelle, die sich wahlweise als Open Source (wie z.B. Creative Commons) oder als freie Software (wie beispielsweise GNU GPL) verstehen. Dies wird für Entwickler wie Endverbraucher schnell unübersichtlich. Gerade bei Firmen sorgen solche Lizenzen oft für Verwirrung wenn es darum geht, Code in neue Entwicklungen zu integrieren: Was kann wie verwendet werden, was ist frei und kann dann noch kommerzialisiert werden, und was ist nur bedingt frei und muss nach Einbau auch immer noch frei bleiben?

Um Verwirrungen und Fallstricke zu Vermeiden, hat sich daher mittlerweile auch in der Industrie die Bezeichnung FOSS für Free and Open Source Software etabliert. Bei Software nach solchen Lizenzen ist jeder frei lizenziert, die Software in irgendeiner Weise zu verwenden, zu kopieren, zu studieren und zu ändern, und der Quellcode wird offen weitergegeben, so dass Entwickler ermutigt werden, das Design der Software freiwillig zu verbessern.

Freie Software: Vom Schreckgespenst zur Akzeptanz

35 Jahre ist es nun her, dass Richard Stallman mit dem GNU-Projekt das Prinzip freier Software ins Leben rief. Seit 20 Jahren existiert auch die Open-Source-Foundation. Jahrzehntelang hatten beide schwer mit der professionellen Softwareindustrie zu kämpfen; Chefs großer Softwarefirmen wie Microsofts ehemaliger CEO Steve Ballmer bezeichnete etwa das ursprünglich unter einer GPL-Lizenz veröffentlichte Linux als ein „Krebsgeschwür, das alles befällt, was es berührt".

Die Grundidee von freier Software schien über Jahre hinweg mit dem kommerziell betriebenen Software-Geschäft kaum vereinbar. Denn wie solle sich mit "freier" Software Geld verdienen lassen, wenn diese in der Regel kostenlos verteilt wird? Und wie soll ohne klassische Hierarchie-Strukturen eine Qualitätskontrolle gewährleistet werden können?

Tatsächlich rückt man aber auch in der Industrie immer mehr von diesen Ängsten ab. Quelloffene Software findet sich inzwischen nahezu überall im Alltag: Smartphones, Router, aber auch automatisierte Industrieroboter sind mittlerweile häufig mit Code ausgestattet, der unter einer freien oder eine Open-Source-Softwarelizenz steht. Tatsächlich betrachten viele Entwickler Open-Source-Code zum Teil als sicherer, als es bei rein proprietärem Code der Fall ist: Lücken in Open-Source-Code werden von einer aktiven Community oft schnell entdeckt und können entsprechend schnell behoben werden. Bei Lücken in proprietärem Code, den nur wenige Personen einsehen können, ist die Gefahr, etwas übersehen zu haben, größer – ebenso wie der potentielle Schaden einer solchen Schwachstelle.

Freie Software ist noch einmal eine Ideologie für sich; der daraus ebgespaltene Entwicklergedanke der Open Source hat sich inzwischen fest etabliert. Eine Welt ohne Open Source erscheint inzwischen kaum noch vorstellbar. Und diese Entwicklung begann vor 35 Jahren mit einem Usenet-Post, dem Aufruf für ein freies GNU, dass nicht UNIX sein sollte.

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