Gastkommentar

Die Welt verändert sich. Wir uns nicht.

07.03.17 | Redakteur: Johann Wiesböck

Dr. Darius Blasband: Der CEO von Raincode ist überzeugt, dass Programmieren eine urmenschliche kreative Tätigkeit ist, die zwar durch Prozesse unterstützt, aber niemals ersetzt werden kann.
Dr. Darius Blasband: Der CEO von Raincode ist überzeugt, dass Programmieren eine urmenschliche kreative Tätigkeit ist, die zwar durch Prozesse unterstützt, aber niemals ersetzt werden kann. (Bild: www.dariusblasband.com)

Seit 40 Jahren dienen Softwareentwickler als Versuchskaninchen, um Software besser zu erzeugen. Es ist nicht gelungen, ihre unzureichenden menschlichen Fähigkeiten über Prozesse auszugleichen.

Maschinen, Rechenleistung, Netzwerk-Bandbreiten und Speicher kosten heutzutage so gut wie nichts mehr und damit verändern sich die Spielregeln gewaltig. Denken Sie z.B. an die neuen Phänomene Deep Learning und Big Data, oder an künstliche Intelligenz, die seit neuestem wieder in aller Munde ist (wenn auch in einem ganz anderen Kontext als in den achtziger Jahren; damals ging es eher um neue Entwicklungsalgorithmen, heutige um schiere Leistungsstärke).

Durch diese massive Veränderung unserer Umgebung haben sich manche unserer stärksten Überzeugungen als rein zufällige und vorübergehende Wahrnehmungen entpuppt. Alles ändert sich, alles verschiebt sich - und es gilt, gerade unsere stärksten Überzeugungen immer und immer wieder zu hinterfragen.

Auf der anderen Seite zeichnet sich der Mensch durch Stabilität aus, und das in einem fast schon deprimierenden Ausmaß. Die menschliche Evolution wird nicht von etwas so Nachhaltigem wie dem Mooreschen Gesetz gesteuert. Im letzten Jahrhundert hat sich die Gaußsche Kurve der menschlichen Fähigkeiten in keinem Bereich signifikant bewegt (sportliche Leistungsfähigkeit, körperliche Eigenschaften oder Denkvermögen) – nur im Hinblick auf die Auswirkung von Kriegen, die Veränderung der Ernährung oder Verbesserungen in der medizinischen Versorgung in einigen Teilen der Welt.

Wir Softwareentwickler sind demnach stabiles Material. Seit vierzig Jahren dient dieses Material quasi als Versuchskaninchen für verschiedenste Organisationsformen mit dem Ziel, Software (hoffentlich) besser zu entwickeln. Prozesse werden etabliert, dann wieder überdacht, verbessert, auf iterativ umgestellt und letztendlich durch „Agilität“ und seine vielen Varianten ersetzt. Erfolglos.

Diese Ansätze sind im Großen und Ganzen gescheitert. Agile Methoden sind zwar in aller Munde, haben im Grunde genommen aber nur altbekannte Plattitüden im Schlepptau, z.B. was Projektorganisation oder Pair Programming angeht – das ganze unter dem Deckmantel eines exotisch klingenden Jargons, der dem Entwickler ein willkommenes Schlupfloch in Sachen Verantwortlichkeit bietet.

Ansätze wie diese gibt es seit Jahrzehnten. Immer wieder scheitern sie. Ihr Kernmaterial – das Gehirn und die Seele des menschlichen Programmierers – hat sich nicht signifikant weiter entwickelt. Und trotzdem gibt es noch Menschen, die überzeugt sind, dass Erfolg in der Softwareentwicklung tatsächlich mit den Prozessen steht und fällt. Und dass man einfach nur den Stein der Weisen finden muss, damit sich die Spielregeln ändern.

Prozesse – bzw. Rezepte, wie ich sie in meinem Buch nenne – sind wieder und wieder zum Scheitern verurteilt. Es ist an der Zeit, dass wir uns die Ursache für dieses Scheitern eingestehen, nämlich die immanente Beschränkung des zugrunde liegenden menschlichen Materials. Wir sollten damit aufhören, einem Trugbild nachzujagen. Der Versuch, unzureichende menschliche Fähigkeiten über Prozesse auszugleichen, ist immer wieder gescheitert. Und daran wird sich auch nichts ändern.

Wenn Sie mehr erfahren wollen zu diesem spannenden Themenkomplex, dann empfiehlt Ihnen die Redaktion das neue Buch von Dr. Darius Blasband 'The Rise and Fall of Software Recipes'. Aus dem Klappentext – wer das Buch lesen sollte: Wenn Sie ein Anhänger formaler Methoden in der Softwareentwicklung sind, müssen Sie dieses Buch lesen. Sie werden es hassen.

Wenn Sie an dem Sinn von Rezepten und Anleitungen zweifeln, die vorgeben, wie etwas zu entwickeln ist, sollten Sie dieses Buch auf jeden Fall lesen. Sie werden es lieben. Es geht darin nicht nur um Methoden, sondern auch um Programmiersprachen, Garbage Collectors, Assertions, Dogmas und das Reiskorn auf einem Schachbrett. Es geht um Geld, Projekte, Technik und vieles mehr. Aber eigentlich geht es um Menschen. (www.dariusblasband.com)

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