19.05.11 | Autor / Redakteur: Jens Palluch * / Hendrik Härter

Unterstützen AM-Werkzeuge die Standardprozesse der meisten Unternehmen wirklich nicht? Das ist unwahrscheinlich. Tatsächlich ist damit oft eher folgendes gemeint: „Ich kann Anforderungen nicht mehr mit Microsoft Word bzw. Microsoft Excel erstellen und bearbeiten.“ Es gibt jedoch bestimmte AM-Werkzeuge, die über entsprechende Schnittstellen auf solche Bedürfnisse eingehen.
Dieses Vorurteil ist aber auch dann anzutreffen, wenn nicht alle Anwender in die Werkzeug-Evaluierung eingebunden waren oder wenn das Unternehmen ein bestimmtes Werkzeug vorschreibt. Dann fühlen sich die Mitarbeiter übergangen und ihr Ego steht der Akzeptanz des neuen Werkzeuges im Weg. Manchmal passt das AM-Werkzeug jedoch tatsächlich nicht zum Prozess: Nämlich dann, wenn man vorher kein systematisches Anforderungsmanagement betrieben hat.
Bevor Sie das falsche Werkzeug zu schnell einführen, führen Sie lieber erst einmal keines ein. Gut Ding will Weile haben. Das falsche Werkzeug bringt Ihnen tatsächlich keinen Nutzen.
Sollte diese Aussage zutreffen, wäre das für die meisten Projekte akzeptabel. Hauptsache das AM-Werkzeug verschlechtert die Qualität nicht. Aber oft werden im Rahmen der Einführung eines AM-Werkzeuges auch Änderungen am Prozess vorgenommen. So kann aus einem guten Prozess ein schlechter werden.
Stattdessen sollte der existierende Prozess im AM-Werkzeug umgesetzt werden. Eine zeitgleiche Änderung des Prozesses verschleiert eventuell den Nutzen des AM-Werkzeuges, da je nach Größe diese Prozessänderung auch erst mal umgesetzt und akzeptiert werden muss.
Projektteams, denen das Unternehmen ein AM-Werkzeug vorschreibt, sie aber bei der Einführung nicht unterstützt, haben häufig Angst vor dem Mehraufwand. Ein AM-Werkzeug lässt sich tatsächlich nicht gut nebenbei in einem laufenden Projekt einführen.
Das Unternehmen muss die Einführung eines AM-Werkzeuges als Projekt aufsetzen, mit eigenem Budget und eigenen Ressourcen. Dabei muss auch bedacht werden, dass sich die ersten Projekte trotz Schulungen und Coaching erst einmal mit dem neuen Werkzeug vertraut machen müssen. Der Nutzen stellt sich erst später ein.
Obwohl jeder weiß, dass die Prozessdefinition Priorität vor der Werkzeugeinführung hat, wird es ganz oft andersherum gemacht. Bei der Werkzeugevaluierung müssen jedoch spezifische Anforderungen an das AM-Werkzeug berücksichtigt werden, die sich erst aus dem Prozess ergeben. Oft erlebt: Bei der Konfiguration des AM-Werkzeuges stellt man fest, dass der Prozess noch nicht vollständig ist.
Beispielsweise sollen im Werkzeug Attribute für Anforderungen definiert werden; bisher wurden aber keine Attribute verwendet, da die Anforderungsdokumente mit Textverarbeitungsprogrammen erstellt wurden, die nur aus Kapiteln, Text und Grafiken bestehen. Also lässt man sich hinreißen von den neuen Möglichkeiten und erstellt viel zu viele Attribute.
Das beste AM-Werkzeug nützt nichts, wenn es nicht oder nicht richtig verwendet wird. Wenn der aus ca. 20 Sätzen bestehende Abschnitt 3.4.7 eines Lastenheftes des Kunden als eine Anforderung betrachtet wird, dann stoßen gegensätzliche Welten aufeinander. Hier sind erst einmal Grundlagenschulungen zum Anforderungsmanagement notwendig, wie sie der Foundation Level Lehrplan des International Requirements Engineering Board vorgibt [IREB11].
Aber das Wissen um die richtigen Methoden allein reicht genauso wenig aus: Die Aufgaben müssen auch umgesetzt werden. Wenn der Bearbeiter die vorgesehene Beziehung zwischen Kunden- und Systemanforderungen nicht füllt, dann ist es egal, ob Anforderungen mittels Dokumenten, wie in Lasten- und Pflichtenheft, oder mit einem AM-Werkzeug verwaltet werden.
Der Kampf Mensch gegen Maschine tobt insbesondere gerne bei der Einführung von Anforderungsmanagement-Werkzeugen. Daher existieren hier zahlreiche Vorurteile. Gerade der Faktor Mensch muss bei der Einführung entsprechend berücksichtigt werden.
Oft beruhen die Vorurteile nicht nur auf mangelnden Fähigkeiten, sondern auch auf anderen Werten und Überzeugungen. Letzten Endes kann ein AM-Werkzeug den Menschen bei seinen Tätigkeiten nur unterstützen.
* * Jens Palluch ist bei Method Park als Trainer und Berater tätig und verantwortlich für das Systems Engineering und Requirements Engineering.
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