Wandel im Berufsleben

Das Zeitalter der Zurückhaltenden

10.05.17 | Autor / Redakteur: Martin Wehrle* / Benjamin Kirchbeck

Seit zahllose Firmen mit Schaumschlägern auf die Nase gefallen sind, seit es Google gibt und eine neue Nachhaltigkeit sich ausbreitet, kommen laute Sprücheklopfer aus der Mode. Zurückhaltende Menschen sind wieder gefragt.
Seit zahllose Firmen mit Schaumschlägern auf die Nase gefallen sind, seit es Google gibt und eine neue Nachhaltigkeit sich ausbreitet, kommen laute Sprücheklopfer aus der Mode. Zurückhaltende Menschen sind wieder gefragt. (Bild: Clipdealer)

Extrovertierte Lautsprecher sind erfolgreich, den Introvertierten bleibt nur die Nebenrolle. Eine Vorstellung die lange Zeit in unseren Köpfen verankert war, steht auf der Kippe. In seinem Buch „Der Klügere denkt nach“, erläutert Martin Wehrle, warum die Zurückhaltenden auf dem Vormarsch sind.

Der Lebenslauf von Lars W. strotzte vor Rekorden. Eine neue Vertriebskette hatte er aufgebaut, Verkaufsschulungen in mehreren Sprachen gehalten, Kosten gesenkt. Sein Vorstellungsgespräch geriet zum Triumphzug. Und sofort legte er los, strukturierte den Vertrieb um, stellte das Produktsortiment auf den Kopf, kommandierte seine Leute zu Schulungen und hielt viele Ansprachen.

Die Geschäftsleitung war begeistert: Endlich ein Vertriebsleiter, der in die Vollen geht! Weniger begeistert waren die Vertriebsmitarbeiter. Ihr lautstarker Chef torpedierte eine bewährte Anti-Rabatt-Politik und zerhackte die Vertriebsgebiete.

Die Umsätze gingen zurück, aber sogar das deutete er zu seinen Gunsten: "Wer aus dem Stand hoch springen will, muss erst mal in die Knie gehen!" Die Geschäftsleitung nickte ergriffen - und für die Mitarbeiter war klar: Lars W. hat große Sprüche drauf, aber keine Ahnung.

Das Team folgte der digitalen Spur des Chefs. Man fand Kommentare, in der seine Verkaufsschulung als "schlechtestes Training aller Zeiten" bezeichnet wurde. Bei jeder neuen Firma war er als Messias begrüßt worden, danach fanden sich dürftige Hinweise auf "Vertriebsreformen" und dann: "Neuer Vertriebsleiter eingestellt. Auf Lars W. folgt ...".

Auch Freunde auf Facebook stellten sich plötzlich als Leidensgenossen heraus: "Der hat hier einen Misthaufen hinterlassen", "Schulungen in mehreren Sprachen? Er sollte erst mal Deutsch lernen, mein Zeugnis war voll mit Rechtschreibfehlern."

Ausgerechnet das Internet, ein lautes Medium, wird immer öfter zum Stolperstein für Maulhelden. Jeder kennt jeden über ein paar Ecken. Großmäuler werden von ihrem eigenen Ruf eingeholt.

Vor der Industrialisierung hatten es Blender schwer: Wer im Dorf mit seinen Nachbarn die Schulbank gedrückt hatte, dessen Stärken und Schwächen waren bekannt. Er konnte den anderen nichts vormachen. Erst ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als die Landbevölkerung scharenweise in die Städte zog, wurde es normal, fortwährend fremden Menschen zu begegnen.

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