ISO-Normen 9001:2015 und 14001:2015

ISO-Neuzertifizierung: Die Vorbereitungen dürfen nicht unterschätzt werden

20.04.17 | Redakteur: Benjamin Kirchbeck

Harald Baumhoff ist seit 2003 für LRQA tätig und ist leitender Auditor für die Bereiche Qualität, Umwelt, Arbeitsschutz und Energie.
Harald Baumhoff ist seit 2003 für LRQA tätig und ist leitender Auditor für die Bereiche Qualität, Umwelt, Arbeitsschutz und Energie. (Bild: Lloyd´s Register Deutschland)

Ende 2015 wurden die ISO-Normen 9001:2015 und 14001:2015 veröffentlicht. Auch wenn die Inhalte weitestgehend bekannt sind, haben viele Unternehmen noch keine Vorbereitungen für die Zertifizierung getroffen. Im Interview erklärt Harald Baumhoff von Lloyd´s Register was es zu beachten gilt und wo Chancen sowie Risiken liegen.

Was wäre der wichtigste Ratschlag, den Sie den Unternehmen, basierend auf Ihren Erfahrungen, geben können?

Der wichtigste Faktor bei der Neuzertifizierung nach den neuen Normen ist eindeutig der Zeitfaktor. Wie bekannt, müssen die Unternehmen bis zum 14. September 2018, nach den neuen Normen zertifiziert sein, wenn Sie ihre Zertifizierung nicht verlieren wollen. Das bedeutet in der Praxis - angenommen den Fall es kommt zu einer Abweichung - dass man den Zeitraum um mindestens weitere 4-6 Wochen reduzieren muss.

Realistisch ist dann nicht mehr Mitte September, sondern Mitte Juli als letzter möglicher Zeitpunkt. Das ist etwas, das viele Unternehmen nicht so im Blick haben. Man sollte auch die Vorbereitungen nicht unterschätzen. Zwar sind die Anforderungen der neuen Normen alle erfüllbar, allerdings kann das bei dem einen oder anderen Unternehmen recht umfangreich und zeitaufwendig sein.

Sie würden also an Stelle der Unternehmen sofort mit den Vorbereitungen anfangen?

Eindeutig ja.

Haben Sie weitere Ratschläge für die Unternehmen? Gibt es erste Erfahrungen, die Sie unseren Lesern ans Herz legen möchten?

Nach den neuen Normen ist es nicht mehr zwingend, dass man im Unternehmen ein Qualitätshandbuch führt, ein QMB vorhanden sein muss, es gibt eingeschränkte Verfahrensanweisungen. Ich rate den Unternehmen, die ich auditiere: Wenn Sie diese Ausstattung in Ihrem Unternehmen bisher hatten, dann lassen sie es wie es ist.

Warum sollten die Unternehmen den Spielraum nicht nutzen, den die neuen Normen Ihnen einräumt?

Die Verantwortlichkeit für die Einhaltung der Normenanforderungen fällt bei fehlendem QMB automatisch auf die Geschäftsführung zurück. Die Geschäftsführung wird dann zum verantwortlichen Ansprechpartner für alle Fragen des Qualitätswesens. Das lässt die neue Norm durchaus zu.

Man sollte aber nicht vergessen, dass beispielsweise das Qualitätswesen in vielen Unternehmen ein außerordentlich komplexes Gebiet darstellt. Ich persönlich befürchte, dass das Qualitätswesen dann nicht mehr die Aufmerksamkeit bekommt, die notwendig ist. Ich rate daher hier konservativ zu verfahren.

Wie sollte man denn am besten starten, wenn die Zeit schon so knapp ist?

Der erste Schritt sollte sein, dass sich alle Verantwortlichen zu einer konstituierenden Sitzung zusammensetzen. Es gilt erst mal eine Bestandsaufnahme aufzunehmen. Man sollte sich über den Arbeitsumfang klar werden, die Anforderungen der neuen Normen mit der betrieblichen Wirklichkeit abgleichen und dann die entsprechenden Arbeitspakete schnüren.

Und dann kommt das große Erwachen?

Nein, in der Regel nicht. Es gibt in den neuen Normen einige Anforderungen, die in der Vergangenheit so nicht gefordert wurden. Das ist aber für die Unternehmen oftmals gar kein Problem.

Wie meinen Sie das? Könnten Sie uns ein Beispiel geben?

Risiken und Chancen ist ein Bereich, mit dem sich die Unternehmen entsprechend den neuen Normen intensiv befassen müssen. Das gab es in der Vergangenheit nicht. Aber mal im Ernst: Welche Unternehmen beschäftigten sich nicht im Rahmen ihrer Tätigkeiten mit den Risiken und Chancen, die durch das Wirtschaften entstehen können?

Das ist nicht neu für die Unternehmen. Allerdings geschieht das oftmals nur in den einzelnen Bereichen wie z.B. dem Einkauf, der abwägt welche Risiken ein günstigerer Lieferant gegenüber einem teureren Lieferanten haben könnte. Das heißt, diese Risiko und Chancenabwägung geschieht oft unstrukturiert und nicht als Ganzes. Es geht also um Strukturierung.

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