Trendanalyse

Trends werden erst dann fassbar, wenn sie schon Realität sind

16.10.14 | Autor / Redakteur: Wolfram Ziehfuss * / Margit Kuther

Digitale Wellten: Das Internet of Things entwickelt sich zum Internet of Everything
Digitale Wellten: Das Internet of Things entwickelt sich zum Internet of Everything (Bild: BI Intelligence Estimates)

Trendforscher bringen uns eine gar nicht neue Entwicklung nahe: die wachsende Polarität. Diese Polarisierung oder Ungleichheit in allen Bereichen ist ein scheinbar nicht umkehrbarer Trend

Trends werden erst dann fassbar, wenn man sie benennen kann, sie also schon Realität sind. Diese Realität beobachten wir mit wachsender Sorge. Der Ungleichheitsökonom Thomas Piketty sagte: „Die beschriebene Ungleichheit betrifft ganze Volkswirtschaften ebenso wie Bevölkerungsschichten und Individuen.“

Kurz gefasst wird die rasant wachsende Bedeutung des Kapitals gegenüber der Arbeit heraus gearbeitet: Weniger verfügbare Arbeit erhöht den Druck auf die Mittelschichten, deren Wohlstand auf Arbeit basiert, was lange durch höhere Produktivität und Kapitalerträge dieser Schicht verdeckt wurde. Die Tendenz zu Niedrigzinsen, bei gleichzeitigem Inflationswunsch der Staaten und der EZB, verschärfen die Situation. An sich ist das nichts Neues, nur die Umkehr des Trends und die Geschwindigkeit des Vorgangs überraschen.

Polarisierung ist auch der Trend im Internet

Der Traum von einer transparenten, chancengleichen und demokratischen Datenwelt hat sich nicht verwirklicht. Die globale Partizipation an Information und Wissen für alle ist noch vorhanden, aber die Relevanz der Netzwerke unterliegt denselben Gesetzen wie alle Ungleichheiten: Dem Power Law oder der Pareto-Regel. Die so genannte Abweichungsverstärkung des positiven Feedbacks wirkt sich hier besonders stark aus. Der Trend wird beschleunigt. Diese Polarisierung oder Ungleichheit in allen Bereichen ist ein scheinbar nicht umkehrbarer Trend. Hinzu kommt die Political Correctness, also „erkannte Ungleichheiten nicht als solche benennen zu dürfen“, so Medienwissenschaftler Prof. Norbert Bolz, TU Berlin.

Wie wirkt sich ein solcher Trend auf die Wirtschaft aus? Ein bemerkenswerter Satz stammt von Prof. Brynjolfsson vom MIT: „There is no economic law that says that everyone, or even most people, benefit from technological progress.“ Die Ungleichheit wird den technologischen Fortschritt nicht allen gleichermaßen zugänglich machen.

Nichts Neues, doch paradox ist, dass in Zeiten der weltweiten Vernetzung ein adäquater Zugang für alle gegeben sein sollte, um die Chancengleichheit zu wahren. Dies beschleunigt einen anderen Trend: Die Erfüllung des Grundbedürfnisses versus die High-End-Luxusvariante eines Produkts oder einer Dienstleistung. Eine Herausforderung für die Ingenieure, die darüber nachdenken müssen, wie weit sich das Grundbedürfnis technisch reduzieren lässt. Der Kreis der Ausgeschlossenen betrifft dann neben den klassischen Konsumgütern auch Bereiche wie Erziehung, Bildung und Kunst.

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In Westeuropa ist die Sorge scheinbar noch nicht so groß. 2013 gab es in Deutschland 26,7 Mio. mobile Internet-User, mit weiter wachsender Zahl. Daher liegt auch das Internet of Things voll im Trend. Es bietet immense Chancen für elektronische Produkte und Dienstleistungen. Aber gravierende Polaritäten drohen, etwa bei Sicherheitssystemen, Vernetzung von Bankdaten und Services.

Deutlich aber wird die fortschreitende Tendenz zu Nischenprodukten in High-End-Segmenten. Die Trendforscher, Wirtschaftsfachleute und Soziologen sehen bei dieser Entwicklung keinen unmittelbaren Gegentrend. Die schlichte Empfehlung „Unplug“ ist laut Prof. Bolz reine Romantik, wir können uns dem nicht entziehen. Wir müssen lernen, damit umzugehen. Die Pareto-Regeln lassen sich nicht ändern. Wir müssen akzeptieren, dass es Polaritäten in allen Bereichen unseres Lebens gibt. Worauf wir als Gesellschaft achten müssen, ist, dass wir nicht in Plutokratien rutschen, die einigen mangels akzeptabler Antworten der politischen Klasse als durchaus erstrebenswert erscheinen mögen.

* Wolfram Ziehfuss ist Geschäftsführer des FBDi e.V.

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