IIC-Chairman Richard Soley

Erfolg im Internet der Dinge ist nicht nur eine Frage der Standards

05.02.16 | Redakteur: Franz Graser

„Das Internet der Dinge wird die nächste ökonomische Revolution vorantreiben“, so die These von IIC-Chairman Dr. Richard Soley.
„Das Internet der Dinge wird die nächste ökonomische Revolution vorantreiben“, so die These von IIC-Chairman Dr. Richard Soley. (Bild: Virgina Vogt/OMG)

Aus Sicht von Dr. Richard Soley, dem Chairman des Industrial Internet Consortium (IIC), wird das Internet of Things (IoT) langfristig für einen Job-Boom sorgen. Die Digitalisierung eröffne demnach Chancen für viele Industriezweige.

„Was ist heute morgen mit euch los?“ fragte Dr. Richard Soley kurz nach Beginn seines Vortrages im Rahmen der Entwicklerkonferenz OOP in München. Die Besorgnis des IIC-Vorsitzenden richtete sich an das Publikum, das einigen Scherzen des für seinen humorvollen Vortragsstil bekannten US-Amerikaners nicht immer folgen konnte.

Soley begegnete zum Beispiel den oft vorgetragenen Ängsten, dass die Digitalisierung der Industrie und der Arbeitswelt zu einem Jobabbau führen könnte, mit dem Beispiel: „1990 gab es weltweit einen einzigen Webmaster. Er hieß Tim." Heute gebe es dagegen Millionen von Webmastern. In diesem Fall habe die Internet-Revolution für eine Jobexplosion gesorgt.

Der IIC-Direktor führte aus, dass es einige Industriezweige gebe, die durch das Internet komplett umgepflügt worden seien – so etwa die Musikindustrie –, andere seien dagegen noch unberührt davon. Soley zeigte eine speicherprogrammierbare Industriesteuerung des Typs Modicon 584 aus dem Jahr 1980, der mit einer Sprache namens Ladder Logic programmiert worden sei. Dieses Gerät werde bis heute – mit Ausnahme des Gehäuses – praktisch unverändert gebaut.

Ebenso sei es ein Anachronismus, dass die Betriebsdaten von Flugzeugtriebwerken nach wie vor manuell ausgelesen würden. „Ich war letzte Woche auf einem kleinen Flughafen in Chile“, sagte Soley. „Dort gab es nur zwei Gates, und beide hatten WLAN.“ Es sei daher nur sinnvoll, die Betriebsdaten per drahtlosem Internet herunterzuladen, zudem sei heute auch das Echtzeit-Monitoring der Triebwerke während des Fluges kein Problem mehr.

Das Ziel des Industrial Internet Consortiums umschrieb Soley daher mit dem Anliegen, die „operational systems“, womit im weitesten Sinne Maschinen und Industrieanlagen gemeint sind, und die Informationstechnik zusammenzubringen. Wichtig sei aber nicht nur die technische Ebene, sondern es komme vor allem auf die Internet-Denkweise an, um neue Geschäftsmodelle zu erschließen.

So seien etwa die Hersteller von Flugzeugtriebwerken wie General Electric und Rolls-Royce mittlerweile nahe daran, zu Dienstleistern zu werden, die nicht mehr in erster Linie Flugzeugmotoren verkaufen, sondern „Propulsion-as-a-Service“ anböten.

Obwohl oft fehlende Standards als wichtigster Hemmschuh für den Durchbruch des Internets der Dinge genannt werden, sieht Soley die Hauptaufgabe des IIC nicht primär in der Definition neuer Standards. „Wenn von Standards die Rede ist, dann sind in der Regel Middleware-Standards gemeint“, sagt der IIC-Mann, „und offen gesagt: Davon haben wir genügend.“

Wichtiger als Middleware-Standards, bei denen in der Regel der Datentransport im Vordergrund steht, sei die Semantik, also zu verstehen, welche Information in den Bits und Bytes stecke. Dafür habe das IIC den Testbett-Ansatz gewählt, bei denen IIC-Mitgliedsfirmen zusammenarbeiten, um Probleme in einem bestimmten Anwendungsgebiet zu lösen.

Beim ersten Testbett zum Thema Track & Trace hätten sich Bosch, Tech Mahindra und Cisco zusammengetan, um die Probleme bei der Verknüpfung von Werkzeugen und Arbeitsschritten in der Flugzeugwartung zu lösen. Dabei verfolge man nicht den Ansatz, zuerst einen Standard festzulegen, sondern herauszufinden, welche Standards fehlten und sie dann in der praktischen Zusammenarbeit zwischen den Domänen zu definieren.

Soley wandte sich zudem gegen das Vorurteil, das IIC sei nur ein Club einiger weniger US-Großkonzerne: Unter den rund 250 Mitgliedsfirmen seien zwar etwa 40 Prozent Großunternehmen, es seien aber auch eine Reihe von Firmen dabei, die nach deutschen Maßstäben zum Mittelstand zählen.

Außerdem stehe das IIC nicht in Konkurrenz zur deutschen Plattform Industrie 4.0: Man sei ständig im Gespräch. Auch unterscheide sich die vom IIC vorgestellte Referenzarchitektur für das industrielle Internet nicht wesentlich von den Vorstellungen der deutschen Industrie 4.0.

Zuletzt betonte Soley: „Nichts am Internet der Dinge ist neu.“ Alle Komponenten seien eigentlich schon seit längerer Zeit vorhanden. Es sei lediglich so, dass durch die fallenden Kosten für Rechenkapazität und Datenkommunikation sowie die fortschreitende Miniaturisierung und die Batterietechnik nun vernetzte Lösungen möglich würden. „Die Dinge kommen jetzt zusammen.“, schloss der IIC-Chairman.

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