Computertechnologie

WITCH – der älteste funktionierende Computer der Welt aus Originalteilen

26.11.12 | Redakteur: Thomas Kuther

(Bild: TNMOC)

Nach drei Jahren Restaurierung wurde der Harwell Dekatron Computer erstmals wieder gebootet und so neu zum Leben erweckt. Damit ist der auch WITCH genannte Rechner im britischen TNMOC (The National Museum of Computing) der älteste funktionsfähige Computer der Welt aus Originalteilen.

Der kürzlich im TNMOC wieder in Betrieb genommene Computer aus dem Jahr 1951 bringt 2,5 Tonnen auf die Waage und besteht u.a. aus insgesamt 828 Zählröhren (Dekatrons), 480 Relais und einer ganzen Reihe von Lochstreifenlesern.

Einer von einem Dutzend Computern weltweit

„1951 war der Harwell Dekatron einer von vielleicht einem Dutzend Computern weltweit“, erinnert sich Kevin Murrell, Kurator des TNMOC und Initiator des Restaurierungsprojekts. „Und seitdem hat dieser älteste, noch mit Originalteilen funktionierende Computer ein aufregendes Leben gehabt. Er hat die letzten Jahrzehnte intakt überstanden, während seine Zeitgenossen recycled oder zerstört wurden.“

Rechenknecht am Atomforschungszentrum

Der Harwell Dekatron Computer wurde 1951 im Atomic Energy Research Establishment in Harwell eingesetzt, wo er Wissenschaftler bei komplizierten Berechnungen unterstützte. Da bei der Konstruktion nicht Geschwindigkeit, sondern auf Zuverlässigkeit Wert gelegt wurde, konnte der Harwell Dekatron über Tage hinweg am Stück arbeiten und fehlerfreie Resultate liefern. Er arbeitete auch nicht im Binärcode, sondern dezimal, was gut an den Zählröhren zu sehen ist.

Im Dienste der Ausbildung

Im Jahre 1959 wurde der Computer in Harwell nicht mehr benötigt. Aber ein einfallsreicher Wissenschaftler am Atomforschungszentrum organisierte einen Wettbewerb, in dessen Rahmen sich Bildungseinrichtungen um den Rechner bewerben konnten. Den Zuschlag sollte erhalten, wer den besten Vorschlag für eine weitere Verwendung des Rechners vorlegte. Die Gewinner Wolverhampton und Staffordshire Technical College, tauften den Computer um in WITCH (Wolverhampton Instrument for Teaching Computation from Harwell) und nutzten ihn bis 1973 zur Computerausbildung.

Zelegt und eingelagert

Anschließend wurde WITCH einige Zeit am früheren Museum of Science and Industry in Birmingham ausgestellt, dann allerdings in seine Einzelteile zerlegt und eingelagert. 2008 wurde er von einem Team freiwilliger Mitarbeiter des TNMOC wiederentdeckt. Mit Erlaubnis des Museums Birmingham und gemeinsam mit der Computer Conservation Society (CCS) entwickelte des team einen Plan zur Restaurierung des Rechners.

Wiederentdeckt auf einem Foto

„Das erste Mal begegnete ich dem Harwell Dekatron als Teenager in den 70er Jahren, als er im Museum of Science and Industry in Birmingham ausgestellt war“, erzählt Kevin Murrell. „und ich war sofort fasziniert von ihm. Als das Museum schloss, verschwand er von der Bildfläche, bis ich vor vier Jahren zufällig auf einem Foto eingelagerter Geräte sein Bedienpult entdeckte. Und sofort entstand Idee, ihn zu restaurieren.

Röhren, Relais und Lochstreifen

„Die Restaurierung war eine echte Herausforderung für uns“, betont Delwyn Holroyd, ebenfalls ein ehrenamtlicher Mitarbeiter des TNMOC und Leiter des Restaurierungsteam. „Wir mussten uns mit Komponenten wie Elektronenröhren, Relais und Lochstreifenlesern befassen, die heute extrem selten sind in modernen Computern nicht mehr benötigt werden. Ältere Teammitglieder mussten ihre alten Erfahrungen wieder hervorkramen und jüngere von Grund auf lernen.“

Historischer Überblick:

  • 1949: Beginn der Entwicklung des Harwell Dekatron,
  • 1951: Erste Inbetriebnahme,
  • 1957: Umzug nach Wolverhampton,
  • 1973: Auszeichnung als weltweit langlebigster Computer,
  • 1973: Umzug ins Museum of Science and Industry Birmingham,
  • 1997: Einlagerung beim Collections Centre Birmingham,
  • 2009: Umzug ins TNMOC,
  • 2012: Nach einem Reboot der älteste funktionsfähige Computer aus Originalteilen.

Technische Daten:

  • Anschlussleistung: 1,5 kW,
  • Maße (H X L X B): 2 m x 6 m x 1 m,
  • Masse: 2,5 t,
  • 828 Zählröhren (Dekatrons),
  • 131 sonstige Elektronenröhren,
  • 480 Relais,
  • 7073 Kontakte oder Relais-Schaltkontakte,
  • 26 Hochgeschwindigkeits-Relais,
  • 199 Kontrollleuchten,
  • 18 Schalter.

Der Harwell Dekatron Computer/WITCH kann zu den üblichen Öffnungszeiten des TNMOC besichtigt werden.

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Zu den Zuse-Rechnern kann ich eine Information beisteuern: Eine Zuse Z22 wurde lange Zeit an der...  lesen
posted am 04.12.2012 um 15:05 von JoergSeid

Lieber Leser, vielen Dank für den Hinweis! Es stimmt: Zuse war mit seinen Entwicklungen Z1...  lesen
posted am 27.11.2012 um 16:27 von Unregistriert

Schade das nicht mal erwähnt haben, dass der deutsche Zuse-Rechner noch viel älter ist. Wo ist der...  lesen
posted am 27.11.2012 um 15:29 von Moabiter


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