Mensch-Maschine-Schnittstelle

Warum es auf eine ganzheitliche User Experience ankommt

20.04.17 | Redakteur: Hendrik Härter

Das Auto der Zukunft bietet verschiedenste Automatisierungs- und Entertainmentfunktionen. Als Anzeige dienen lichtstarke hochauflösende Projektionen.
Das Auto der Zukunft bietet verschiedenste Automatisierungs- und Entertainmentfunktionen. Als Anzeige dienen lichtstarke hochauflösende Projektionen. (Bild: designaffairs)

Ob ein vernetztes Auto oder das smarte Gebäude: Je komplexer unsere Umwelt ist, umso einfacher und übersichtlicher müssen User Interfaces und damit die Schnittstelle zwischen Mensch und Anwendung sein.

User Interfaces stellen immer mehr eine notwendige Schnittstelle zwischen Mensch und Anwendung dar. Ob ein komplexes autonom fahrendes Auto oder das smarte Gebäude: Schnell müssen Entscheidungen getroffen werden. Hier kommen die Experten von designaffairs ins Spiel mit ihrem Know-how aus den Feldern User Research, Markenstrategie, Produktdesign, User Interface Design, Materialtechnologie oder Usability Engineering. Wir haben mit den Experten von designaffairs gesprochen: Sebastian Wendlandt, Executive Director Brand, Research & Strategy, Werner Spicka, Executive Director Interaction Experience und Michael Lanz, Mitinhaber und Geschäftsführer.

Herr Wendlandt, die Entwicklung eines Bedienfelds im Auto erfordert viele Kenntnisse über das Nutzerverhalten. Wie analysiert designaffairs das Verhalten der Nutzer und Anwender?

Wie wir das Nutzerverhalten analysieren, hängt von unserem Erkenntnisinteresse ab: Was genau betrachten wir in Bezug auf das Nutzerverhalten? Gibt es bereits ein User Interface Design, das evaluiert werden soll? Stehen wir noch ganz am Anfang der Gestaltung und machen eine Grundlagenstudie zu menschlichem Bedien-Verhalten im Automobil?

Zu unseren Grundprinzipien gehört es, bei User-Research-Aktivitäten sowohl unsere Probanden als auch uns als Researcher so weit wie möglich einzubetten. Ein Mittel der Wahl sind häufig ethnographische Studien. Durch das Teilen eines gemeinsamen sozialen Kontextes mit unseren Probanden sammeln wir direkte Erfahrungen. Gleichzeitig liefert uns dieser Kontext den Schlüssel zur Interpretation dieser gemachten Erfahrungswerte.

Demgegenüber steht die De-Kontextualisierung der gesammelten Informationen. Denken Sie an Tracking-Systeme, mit denen beispielsweise die Bedienhäufigkeit und -zeitpunkt, das Wetter und Verkehrssituation miteinander in Zusammenhang gebracht werden können. Auf diese Art lassen sich große Mengen quantitativer Daten gewinnen und viel Zeit mit Tabellen und Charts verbringen.

Doch mit der Aufbereitung der Daten stellt sich die Frage nach der Interpretation und dem, was die Daten eigentlich aussagen. Die Daten sprechen schließlich nicht für sich. Spätestens hier muss auf Erfahrungswissen zurückgegriffen werden, um sichere Insights zu Relevanz und Bedeutung der getrackten Bedienung ableiten zu können.

Kunden kommen also auf uns zu, weil sie mit einem alleinigen Ansatz der Reduktion von Menschen auf Clicks und Eingaben nicht weiterkommen und die Notwendigkeit komplementärer, qualitativer Studien erkannt haben. Solche Studien skalieren wir je nach Budget und Fragestellung des Kunden unter Einsatz von Mock-Ups und Prototypen. Geht es um die Bewertung neuer Bedienelemente, versuchen wir den Probanden ein möglichst realistisches Erlebnis zu geben, das sie in Zukunft mit dem jeweiligen Design haben werden. Das kann beispielsweise bedeuten, dass wir Vielfahrer auf ihren Geschäftsreisen begleiten und aus dem Dialog und der Beobachtung ihres Verhaltens bei der Bedienung eines Interfaces konkrete Insights generieren.

Designer wollen eine ganzheitliche User Experience erschaffen. Was ist damit gemeint?

Als Forscher interessiert mich, was Menschen erleben, wie sie ihre Welt in den jeweils für den Gestaltungsprozess relevanten Aspekten wahrnehmen. Hingegen geht es mir als Designer um die Umsetzung dessen, was sich Menschen als konkreten Gegenstand wünschen. Die erfolgreiche Umsetzung hängt direkt vom gewonnenen Nutzungs-Verständnis ab: Der Gestaltung einer ganzheitlichen User Experience geht das ganzheitliche Menschen-Verständnis voraus.

Ein Weg vom Status Quo-Erlebnis zu einer designerischen Umsetzung mit ganzheitlicher User Experience zu gelangen, besteht für uns darin, Mangel-Situationen mit Nutzern zunächst abzubilden und diese dann szenisch in die gewünschte Zukunft zu modulieren. Wir ändern die Szenarien schrittweise leicht ab, bieten Mock-Ups, also Modelle, an, mit denen wir eine zukünftige Bedienung im Auto simulieren und lassen die Probanden die Situation dann erneut durchspielen.

Im Anschluss lassen wir die Studien-Teilnehmer das neue Bedienerlebnis bewerten. Mit dem gesammelten Feedback verändern wir die Mock-Ups auf die gewünschte Art und Weise mittels Rapid Prototyping und spielen die Situation erneut durch. Iterativ tasten wir uns so zum gewünschten Idealzustand. Der Vorteil ist, dass die späteren Nutzer ihren Erfahrungsschatz als Co-Designer ohne Umwege direkt in den Gestaltungsprozess einbringen. Damit können wir garantieren, dass wir auch wirklich alle Gestaltungsaspekte berücksichtigen und damit für die gewünschte ganzheitliche User Experience sorgen.

Herr Spicka, das Auto der Zukunft wird immer mehr zu einem autonom fahrenden Vehikel. Dabei wird die Kommunikation zwischen Fahrer und Fahrzeug immer wichtiger. Wie sehen Sie die Zukunft der Kommunikation mit dem Automobil?

Die Kommunikation mit dem autonomen Fahrzeug um des Fahrens willens wird auf ein Mindestmaß reduziert, denn das Auto der Zukunft fährt ja von selbst. Der Nutzer erhält dafür mehr Zeit für andere Aktivitäten: Arbeiten, Lesen, im Internet browsen, Videos anschauen. Das Fahrzeug wird somit zu einem Raum, in dem ich nicht mit dem Fahrzeug um des Fahrens willens, sondern mit einem multimedialen Gesamtsystem kommuniziere. Andere Branchen beschäftigen sich schon länger mit diesen Szenarien, somit werden sich aus unserer Perspektive zwei Methoden für die Interaktion durchsetzen: Sprachsteuerung und Touch-Systeme. Beide sind entweder intuitiv oder leicht von den Nutzern zu erlernen und werden, wenn sinnvoll, durch Gestik-Steuerung ergänzt.

Bei der Entwicklung solcher ganzheitlichen Systeme können wir uns stark an der Unterhaltungselektronik- und Kommunikationsindustrie orientieren, die ihrerseits stark in den Automotive-Markt drängen. Sie bieten neben den allgegenwärtigen Smartphones und Tablets bereits jetzt beispielsweise mit Alexa von Amazon oder Microsoft Kinect wegweisende, multimediale Lösungen.

Im klassischen Kontext des eigenen Fahrens gelten jedoch weiterhin die bisherigen ergonomischen Erkenntnisse. Eine möglichst geringe Blickabwendung durch weit vorne und oben angeordnete Anzeigeflächen werden dabei ebenso Bestand haben, wie drucksensitive Oberflächen und Schalter im optimalen Greifraum. Und was der Mensch dann beim Fahren noch falsch machen könnte, korrigieren Fahrassistenzsysteme.

Aber: Das Thema autonomes Fahren ist für uns Interaction Designer gedanklich schon überreif! Aktuell beschäftigen wir uns mit der Frage nach der Integration künstlicher Intelligenz in die Kommunikation mit dem Nutzer. Das Fahrzeug als lernendes System, das mir proaktiv aufgrund meines Verhaltens und meiner Vorlieben Vorschläge macht, wohin ich fahre, welche Musik ich hören könnte oder ob ich wie immer beim Bäcker anhalten möchte. Der Nutzer bestätigt beispielsweise lediglich mittels Spracheingabe die Vorschläge – so lernt das Fahrzeug von Fahrt zu Fahrt hinzu, nimmt dem Menschen repetitive Aufgaben ab und hat für den Fahrgast einen wirklichen Mehrwert.

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