Zuwanderung und Qualifikation

Anwerbung von Fachkräften: „Willkommen war ich nicht“

17.02.17 | Autor / Redakteur: Alexander Hagelüken* / Sebastian Gerstl

Symbolbild: Inder stellen in Deutschland inzwischen die meisten ausländischen naturwissenschaftlich-technischen Akademiker – noch vor Franzosen, Italienern und Spaniern. Doch auch wenn Industrieverbände froh über den Facharbeiterzuwachs sind, haben Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern wie Indien mit vielen bürokratischen Hürden zu kämpfen. Der Elektrotechniker Sanjay També fragt sich etwa: Wenn eine Fachkraft auf expliziten Wunsch zugewandert ist, warum macht man es dann dem Ehepartner schwer, ebenfalls eine Arbeit zu finden?
Symbolbild: Inder stellen in Deutschland inzwischen die meisten ausländischen naturwissenschaftlich-technischen Akademiker – noch vor Franzosen, Italienern und Spaniern. Doch auch wenn Industrieverbände froh über den Facharbeiterzuwachs sind, haben Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern wie Indien mit vielen bürokratischen Hürden zu kämpfen. Der Elektrotechniker Sanjay També fragt sich etwa: Wenn eine Fachkraft auf expliziten Wunsch zugewandert ist, warum macht man es dann dem Ehepartner schwer, ebenfalls eine Arbeit zu finden? (Bild: gemeinfrei / CC0)

Viele gut ausgebildete Fachkräfte auf dem deutschen Arbeitsmarkt kommen aus Indien. Der Elektrotechniker Sanjay També ist einer von ihnen. Er sagt: Deutschland macht beim Anwerben immer noch Fehler.

Wie sehr sich alles ändert, merkt Sanjay També, wenn er ausholt und den kleinen Lederball wegdrischt. Der 51-jährige Inder läuft für den International Cricket Club auf. Neuerdings stehen manchmal 800 Zuschauer am Rand. Denn in München wohnen auf einmal viel mehr Landsleute. Und nicht nur dort. Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) liefert eine verblüffende Zahl: Inder stellen in Deutschland inzwischen die meisten ausländischen naturwissenschaftlich-technischen Akademiker - jene Fachkräfte, nach denen deutsche Firmen fieberhaft suchen. Mit knapp 7000 liegen Tambés Landsleute vor Franzosen, Italienern und Spaniern.

Deutschland tat sich lange schwer, Fachkräfte von weither zu gewinnen. Nun ändert sich das etwas, zeigt die unveröffentlichte Studie. Inzwischen arbeiten hier 100.000 Ausländer in den stark gefragten Mint-Berufen wie Informatik, Mathematik oder Elektrotechnik. Das sind 40 Prozent mehr als 2012. Ein Erfolg, nachdem die Bundesrepublik im Anwerben der Kräfte lange vieles falsch gemacht hat. Wie viel, weiß Sanjay També aus seinem Leben.

Als er Mitte der Neunzigerjahre in Bangalore Elektrotechnik abgeschlossen hatte, redeten die Deutschen schon über fehlende Fachkräfte. Handeln sah man nur die Amerikaner. US-Firmen veranstalteten in Indien Jobmessen. També besitzt noch den Rucksack, den ihm Microsoft schenkte. IBM bot ihm eine Stelle, er zog in die USA.

Google wirbt in den USA mit Schulen, in denen die Kinder Hindi und Yoga lernen

Die Bundesrepublik bekam eine zweite Chance: Ende der Neunziger ging der damals 32-Jährige für IBM nach Deutschland, um Firmen zu helfen, dem befürchteten Computerchaos der Jahrtausendwende vorzubeugen. Vorübergehend sollte das sein. També fand München schöner als New Jersey. Er wollte bleiben.

Die Mediamarkt-Gruppe hätte ihn sofort genommen. "Aber die Behörden packten einen ganz hart an", sagt er. Erst sollte Mediamarkt nachweisen, dass sich nicht ein Europäer statt També für den Job auftreiben ließ. Also begann er ein Aufbaustudium Wirtschaftsinformatik. Hängte Praktika dran. Alle paar Monate zwangen ihn die Beamten, einen Tag in die Schweiz auszureisen. "Willkommen war ich nicht". Es war die Zeit, als der CDU-Politiker Jürgen Rüttgers "Kinder statt Inder" forderte. També konnte erst bleiben, als er 2001 eine der ersten Greencards bekam: über das "Sofortprogramm zur Deckung des IT-Fachkräftebedarfs".

Sofort herprogrammieren ließen sich wegen der befristeten Arbeitserlaubnis wenige Fachkräfte. So eine Mühe wie També wollte sich kaum einer antun. Zumal die USA Kandidaten anlockten. Dort wird wie in Indien Englisch gesprochen, die Zuzügler treffen auf große indische Gemeinden. Die sperrigen Deutschen machten irgendwann die Greencard zur Bluecard. Was auch nicht viel brachte. Erst seit ein paar Jahren gibt es einen Schub.

"Die Bundesregierung wirbt stärker um indische Fachkräfte", sagt IW-Forscher Axel Plünnecke. Inder können auch ohne Jobzusage kommen und nach Arbeit suchen. Außerdem sind die Hochschulen im Ausland aktiver. Deutschlands Attraktivität steigt, weil Inder die Mint-Fächer an deutschen Unis jetzt auf Englisch studieren dürfen. Anders als vorher können sie indische Abschlüsse mit deutschen kombinieren. Die Zahl ausländischer Mint-Studenten hat sich binnen fünf Jahren um 30 Prozent erhöht.

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