DVS-Lötpass für die Elektronikfertigung

Ausbildung und Qualifikationsnachweis zur Lötfachkraft und Handlötarbeitskraft

31.08.2010 | Redakteur: Claudia Mallok

Handlöten will gerlernt sein. Schließlich wird an hochsensiblen elektronischen Baugruppen gearbeitet.

Der neue DVS-Lötpass für die Elektronikfertigung bescheinigt die Ausbildung zur Lötfachkraft oder Handlötarbeitskraft. In bundeseinheitlichen Regeln sind die Anforderungen an die Fertigkeiten von Mitarbeitern in der Elektronikproduktion formuliert.

Wer ein Auto fahren will, muss einen Führerschein haben, jeder der an einem Druckbehälter schweißen will, muss einen Schweißerschein haben. Neu ist der Der DVS-Lötpass für die Elektronikfertigung. Der Grund: Oft arbeiten angelernte und ungeprüfte Mitarbeiter an hochsensiblen Baugruppen für die Mess- und Steuerungstechnik, Automobilelektronik oder Medizinelektronik.

„Um diesem Manko abzuhelfen und sicher hohe Qualität zu erzeugen, wurde der DVS-Lötpass für die Elektronikfertigung entwickelt. Anlernkräfte werden intensiv in Theorie und Praxis geschult und zum Abschluss geprüft“, schildert Dr. Thomas Ahrens von der Trainalytics GmbH. Ein willkommener Nebeneffekt ist ferner, dass der am Arbeitsmarkt herrschende Fachkräftemangel durch das Zertifizierungsprogramm gemildert werden kann.

„Diese neue Fachausbildung“, so Ahrens, „verhilft den Elektronikfertigern und ihren Kunden zu einem geringeren Fehlerrisiko bei der Produktion und zur Kostensenkung durch verringerte Nacharbeit.“ Außerdem werden die Technologieverantwortlichen entlastet, indem die Einsatzkräfte an der Fertigungslinie selbstständig Abweichungen erkennen, melden, und ggf. beheben können. Ahrens: „Diese Fachkräfte braucht die Industrie jetzt besonders, um sich im internationalen Vergleich abzuheben und den positiven Auftragseingang zu bearbeiten.“

Das Problem Fachkräftemangel an der Wurzel gepackt

Vor 3 Jahren ging es los. Die DVS-Arbeitsgruppe AG V 6.3 „Ausbildung Weichlöten in der Elektronikfertigung“ formulierte Richtlinien für die Anforderungen an die Ausbildungsinhalte und Bildungseinrichtungen, Trainer und Prüfer. Vor 2 Jahren begannen die ersten Kurse, seitdem werden Erfahrungen mit der Ausbildung in Theorie und Praxis gesammelt. Im letzten Jahr wurden die Erfahrungen in die Ausbildungs- und Prüfungssystematik nach Vorgaben der DVS PersZert-Struktur umgesetzt.

Im April 2010 wurde Trainalytics GmbH, Lippstadt, als LTLE Löttechnische Lehranstalt/Elektronikfertigung zerfiziert, im Juli wurden die Firmen Hannusch Industrieelektronik, Laichingen, und ERSA GmbH, Wertheim, als Löttechnische Kursstätte LTKE zertifiziert. Alle drei wurden sowohl als Bildungseinrichtung als auch als Prüfstelle zertifiziert. „Das bedeutet, dass an diesen Stellen sowohl Trainer für die Ausbildung, als auch unabhängige Prüfer tätig sind“, erzählt Ahrens.

Die Teilnehmer der ersten DVS-Lötfachkraftprüfung am 23. Juli 2010 in Berghülen bei Ulm: A. Passig, Fa. Kathrein; T. Mückl, Fa. Zollner (Prüfungsausschuss), G. Götz, Fa. Rafi; J. Friedrich, Fa. ERSA; J. Hoke, Fa. Hannusch; G. Celik und J. Selig, Fa. B.Braun Melsungen; Dr. T. Ahrens, Fa. Trainalytics (Prüfungsausschuss), sowie Prof. Dr. U. Coehne, FH Offenburg, PZA BW (Vorsitz des Prüfungsausschusses) (v.l.n.r.)
Die Teilnehmer der ersten DVS-Lötfachkraftprüfung am 23. Juli 2010 in Berghülen bei Ulm: A. Passig, Fa. Kathrein; T. Mückl, Fa. Zollner (Prüfungsausschuss), G. Götz, Fa. Rafi; J. Friedrich, Fa. ERSA; J. Hoke, Fa. Hannusch; G. Celik und J. Selig, Fa. B.Braun Melsungen; Dr. T. Ahrens, Fa. Trainalytics (Prüfungsausschuss), sowie Prof. Dr. U. Coehne, FH Offenburg, PZA BW (Vorsitz des Prüfungsausschusses) (v.l.n.r.)

Ende Juli 2010 war dann der erste Erfolg zu verbuchen: Die ersten sechs Lötfachkräfte haben ihre Prüfung erfolgreich bestanden. Diese Premiere fand am 23. Juli in Berghülen in der Nähe von Ulm statt. Den Vorsitz im Prüfungsausschuss übernahm Prof. Uwe Coehne von der Fachhochschule Ulm. Prof. Coehne ist Vorsitzender des PZA (Prüfungs- und Zertifizierungssausschuss) Baden-Württemberg; damit wurde die Einbindung der neuen Fachausbildung in das DVS Prüfungs- und Zertifizierungssystem perfekt. Weitere Mitglieder im Prüfungsausschuss waren Thomas Mückl, Zollner AG, und Dr. Thomas Ahrens, Trainalytics GmbH, der die Lötfachkraft-Kandidaten als Ausbilder durch die Kurse geleitet hatte.

DVS-Lötpass für die Elektronikfertigung - das Konzept

1. Erprobte Lerninhalte

Die DVS-Lerninhalte wurden als Präsentationen und als Beschreibung praktischer Übungen zunächst in einem 5-Wochen Lehrgangsprogramm zum Hand- und Maschinenlöten erprobt. Dieses Programm wurde im Jahre 2009 in Zusammenarbeit mit der Perform GmbH, Berlin, als Qualifizierungsmaßnahme zum Beispiel für Mitarbeiter in Kurzarbeit durchgeführt. Zehn Kurse im Jahre 2009 lieferten eine Menge an Erfahrung zur Vermittlung der theoretischen und praktischen Grundlagen und Fertigkeiten. „Eine unserer wichtigsten Aufgaben besteht darin, auch Quereinsteiger schnell und effektiv für die Elektronikfertigung fit zu machen“, betont Dr. Thomas Ahrens.

2. Zertifizierte Kurse und Bildungseinrichtungen

Die Kursstätten bilden Handlöt-Arbeitskräfte aus und prüfen abschließend die erworbenen Fertigkeiten und das Basiswissen. Die Firma Trainalytics als Löttechnische Lehranstalt führt die Ausbildung und Prüfung für Handlötarbeitskräfte und Lötfachkräfte durch. „Unsere Ausbildung und die Prüfung werden durch die neuen DVS-Richtlinien geregelt, die sowohl Dauer und Themen der Kurse als auch die Durchführung und die Inhalte und Kriterien der Prüfung beschreiben“, schildert Dr. Thomas Ahrens von der Trainalytics GmbH in Lippstadt.

Damit seien erstmals bundeseinheitliche Regeln zu Anforderungen an die Fertigkeiten von Mitarbeitern in der Elektronikproduktion verfügbar. Natürlich wurden diese Regeln nicht im luftleeren Raum erstellt, beispielsweise basieren die Anforderungen an Lötstellen auf dem international anerkannten Dokument IPC-A-610 „Abnahmekriterien für elektronische Baugruppen“. Auch die deutschen, europäischen und internationalen Normen, die in Zusammenarbeit von DVS und DIN erstellt und im DIN Taschenbuch 196-2 „Weichlöten, gedruckte Schaltungen“ zusammengestellt wurden, sind in die neue Ausbildung eingeflossen.

Die Anforderungen an die Bildungseinrichtungen und Prüfstellen sind nach dem Vorbild der schweiß- und klebtechnischen Institutionen des DVS entstanden. Infrastruktur und gerätetechnische Ausstattung spiegeln die moderne Elektronikfertigung wieder, selbstverständlich unter Berücksichtigung von ESD-Schutz und generellen Bedingungen wie in der Arbeitsstättenverordnung beschrieben. Ausbilder sind nach IPC-A-610 zertifiziert und sind mindestens DVS-Lötfachkraft. Die Prüfer werden vom DVS benannt; ihr Hintergrund ist die Technologie, d.h. Erfahrung in Fertigung und Analyse elektronischer Baugruppen. DVS-Prüfer agieren unabhängig von der Bildungseinrichtung, sie sind nicht an der Ausbildung der jeweiligen Kandidaten beteiligt.

3. Intensives Handlöt-Training nach Richtlinie DVS 2620

„Für die Ausbildung zur DVS-Handlöt-Arbeitskraft haben wir ein kompaktes Paket aus Basiswissen und Fertigkeitsübungen geschnürt, um neue Mitarbeiter ohne Erfahrung in der Löttechnik in nur einer Woche Intensivtraining an selbstständige Lötarbeiten heranzuführen. Sie erhalten Übungsmaterial und Werkzeuge, lernen unter Anleitung den optimalen Einsatz von Material und Methoden, Werkzeugpflege, Handhabung der Produkte und Bauteile, und werden mit den Fachbegriffen der Elektronikfertigung vertraut gemacht“ erklärt Dr. Thomas Ahrens.

4. Ausbildung zur Lötfachkraft: 3 Wochen nach Richtlinie DVS 2621

Die „Lötfachkraft“ könnte auch „Fachkraft für Baugruppenfertigung“ heißen, denn die 3 Ausbildungsmodule bauen systematisch das Wissen und die notwendigen Fertigkeiten zur Handhabung und zum Verhalten der Materialien und der Geräte für Durchsteck- und Oberflächenmontage elektronischer Baugruppen auf. Die Kurzausbildung könne allerdings keinen gewerblichen Berufsabschluss zur Baugruppenfertigung ersetzen, den es erst seit wenigen Jahren in Form des viel zu seltenen Berufsbildes des Mikrotechnologen gibt.

„Trotzdem vermitteln diese drei Wochen Theorie und praktische Übungen zu Material und Methoden, Prozessoptimierung und -kontrolle sowie Fehler finden und Fehler vermeiden. Lotpastendruck, Reflow-Lötprofile, Einstellung von Wellenlötanlagen werden manuell und an Fertigungsautomaten durchgeführt“, erzählt Ahrens.

Jeder Teilnehmer dokumentiert die Einflüsse diverser Parameter wie Werkzeugzustand, Maschineneinstellungen und verwendete Materialien, lernt dabei wichtige Abweichungen wahrzunehmen und Fehler nach ihren möglichen Ursachen zu klassifizieren. Am Ende jedes Moduls steht eine Zwischenprüfung an, die den Erkenntnisgewinn des Teilnehmers in Theorie und Praxis bewertet. Ziel ist hier die Ausbildung zur Führung der Fertigungslinie bis hin zur Aufsicht von Handlöt-Arbeitskräften.

5. Der Firmenverbund Lötschulung.de

Aus den Gründungsmitgliedern der DVS AG V 6.3 hat sich ein Verbund gebildet, der die DVS-Lötfachausbildung durchführt und vorantreibt. Die Einrichtungen im Verbund bilden einen optimalen Mix von Theorie und Praxis aus unterschiedlichen Blickwinkeln, im Sinne von Verantwortung für Produkt, Prozess, Personal, sowie übergreifendes Qualitätsmanagement durch Formulierung, Weitergabe, und Überprüfung der Anforderungen. Der Verbund besteht aus dem Gerätehersteller Rafi GmbH, den EMS-Anbietern Zollner AG und Hannusch Industrieelektronik, dem Lötanlagenhersteller ERSA GmbH, dem Forschungsinstitut ZVE Zentrum für Verbindungstechnik in der Elektronik sowie der Trainalytics GmbH, Dienstleister für Schulungen und Qualitätsbewertung.

Nach drei Jahren Vorarbeit ist damit das Grundprogramm zur DVS-Lötfachausbildung festgezurrt, und der Verbund sorgt für eine konsequente Umsetzung. Für 2011 ist die Formulierung von Spezialkursen geplant wie Fine-Pitch-Rework sowie die Ausbildung von Lötfachingenieuren und –ingenieurinnen. Unter der Leitung von Dr. Thomas Ahrensbegleitet der Prüfungs- und Zertifizierungsausschuss Weichlöten die Einrichtungen, kümmert sich um einen Erfahrungsaustausch von Ausbildern und Prüfern, und nutzt diese Informationen zur kontinuierlichen Verbesserung und Fortentwicklung des Programms.

Klicken Sie bitte hier, um zu den aktuellen Trainingstermine zu gelangen.

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Schreiben Sie uns hier Ihre Meinung ...
(nicht registrierter User)

Spamschutz 

Bitte geben Sie das Ergebnis der Rechenaufgabe (Addition) ein:
Kommentar abschicken

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 358611) | Archiv: Vogel Business Media

Info-Dienste für Elektronik-Professionals

Immer aktuell informiert: der EP Tagesspiegel mit aktuellen Branchen-Nachrichten der letzten 24 Stunden oder die wöchentlichen themenspezifischen Newsletter "Fachwissen für Elektronikprofis"  von elektronikpraxis.de. Jetzt kostenlos abonnieren!

Heftarchiv
ELEKTRONIKPRAXIS 14/2014

ELEKTRONIKPRAXIS 14/2014

Wenn Optik und Haptik eines Displays entscheiden

Weitere Themen:

Verbesserte SiCLeistungs- MOSFETs
Theorie versus Prozesstoleranzen
Hardware Monitoring

zum ePaper

zum Heftarchiv

ELEKTRONIKPRAXIS 13/2014

ELEKTRONIKPRAXIS 13/2014

Perfekt aufgestellt für jede Gehäuse-Situation

Weitere Themen:

Das M2M-Protokoll OPC UA
Hohe Abtastrate und Bandbreite
Was AC-Quellen können müssen

zum ePaper

zum Heftarchiv

ELEKTRONIKPRAXIS 12/2014

ELEKTRONIKPRAXIS 12/2014

Was Chefs über Software wissen müssen

Weitere Themen:

Automatisches und interaktives Routeb
Hardware mit SCRUM entwickeln
GbE in der Automatisierung

zum ePaper

zum Heftarchiv